Man stelle sich das vor: Ein hoher Offizier der römischen Besatzungsarmee lässt einem Bürger des besetzten Landes sagen: „Ich bin nicht würdig, dass du mein Haus betrittst!“ Von fremden Armeen ist man anderes gewohnt. Sie beschlagnahmen, was sie brauchen, nehmen sich, was sie wollen, und behandeln die Menschen des besetzten Landes wie Sklaven.
Was bewog diesen Offizier, so demütig zu sein, wo ihm doch ein ganz anderes Auftreten möglich gewesen wäre? Das erste, was mir auffällt: Der Hauptmann sorgt sich um seinen Diener. Es geht ihm nicht um seine eigenen Angelegenheiten, er hat ein Herz für die Anderen, nicht nur die Großen und Wichtigen, sondern die Kleinen, die Untergebenen. Darin ist er ein Vorbild. Er hat Soldaten unter sich. Aber er unterjocht sie nicht. Sie sind ihm so wichtig, dass er alles tut, um ihnen zu helfen.
Aber auch als Besatzungsoffizier benimmt er sich ausgesprochen edel den Einheimischen gegenüber: „Er liebt unser Volk und hat uns die Synagoge gebaut.“ Auch bei uns in Österreich gibt es solche Erfahrungen in der Besatzungszeit. Darin ist der römische Hauptmann wiederum vorbildlich. Er denkt nicht nur an seine eigenen Leute, er hilft auch den Menschen im besetzten Land.
Diese Großzügigkeit kommt aber noch stärker zum Ausdruck in seiner Haltung gegenüber der Religion des besetzten Landes. Er weiß, dass strenggläubige Juden nicht das Haus eines Heiden betreten dürfen. Um Jesus nicht in Verlegenheit zu bringen, bittet er erst gar nicht, er möge in sein Haus kommen. Ja, er geht so weit, dass er Jesus gar nicht selber unter die Augen tritt, so groß ist sein Respekt vor der Religion des anderen.
Und als wäre das noch nicht genug an Bescheidenheit, drückt er sein großes Vertrauen in Jesus in einem Vergleich aus: Er als Offizier braucht nur ein Wort des Befehles sprechen und schon führen die Soldaten seinen Befehl aus. Jesus braucht der Krankheit nur mit einem Wort zu befehlen, und schon ist sein Knecht gesund. Jesus ist fast sprachlos vor dieser Haltung: So einen Glauben habe ich bei uns nicht gefunden!
Warum aber dieses „Ich bin nicht würdig“, „Ich bin es nicht wert“? Ist das nicht eine ungesunde Haltung? Macht er sich nicht da selber allzu klein? Ist das gar eine „kriecherische“ Einstellung? Es lohnt sich, diese Frage heute zu stellen. Denn in unserer Gesellschaft herrscht oft ein Anspruchsdenken vor: Wir wissen genau, was uns zusteht, was wir fordern können, worauf wir Anspruch anmelden können. Daran ist viel Gutes. Es ist nicht recht, immer von der (willkürlichen) Gnade anderer abhängig zu sein. Es ist ein Fortschritt, dass soziale Hilfe gesetzlich geregelt wird, und nicht nur von der Laune des Vorgesetzten abhängen.
Aber die entscheidenden Dinge des Lebens können wir nicht einfordern, sondern nur erbitten: Liebe lässt sich nicht erzwingen. Anerkennung dürfen wir erhoffen. Freiwillige Hilfe kann nur frei geschenkt werden. „Ich bin nicht würdig“, das heißt mit anderen Worten: Ich bitte dich darum! Der Hauptmann war sich nicht zu gut, um für seinen Diener zu bitten. Wenn wir nur mehr nach seinem Vorbild miteinander umgehen würden!