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Wer bist du wirklich?

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 19. Juni 2016 (Lk 9,18-24)

17.06.2016
Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 19. Juni 2016 (Lk 9,18-24)
© kathbild.at/Rupprecht
Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 19. Juni 2016 (Lk 9,18-24)

Es ist oft ein riesiger Unterschied zwischen dem, was „die Leute“ über jemanden sagen, und dem, wer dieser Mensch wirklich ist. Wie oft ändert sich das Bild, das wir von einer Person haben, wenn wir sie persönlich kennenlernen! „Man“ hat schnell eine Meinung über Menschen, steckt sie in eine Schublade, gibt ihnen ein Etikett, ordnet sie einer Gruppe zu. Wie vorschnell und oberflächlich sind unsere Urteile über die anderen! Und wie weh tut es, wenn andere über uns so leichtfertig urteilen!

 

Es geht mir nicht besser als anderen. Auch ich bin schnell zur Hand mit meiner Meinung über Menschen. Im heutigen Evangelium finde ich einen Hinweis, der mir hilft, genauer hinzuschauen und behutsamer zu sein im Urteilen. Von Jesus heißt es heute, er habe damals in der Einsamkeit gebetet, und die Jünger waren bei ihm. Sie erlebten also, wie Jesus betete. Es muss ihnen einen tiefen Eindruck gemacht haben.

 

Mir ist unvergesslich in Erinnerung, wie ich einmal Papst Johannes Paul II. beim Beten allein erleben durfte. Ich war bei ihm zum Abendessen eingeladen. Nach dem Essen ging er wie gewohnt in seine Kapelle, und ich durfte mitkommen. Da war ich nun mit ihm allein, eine ganze Weile lang, und er betete, völlig versunken, als wäre ich nicht da, Worte murmelnd, seufzend, dann wieder dichte Stille. Es hat mir einen tiefen Eindruck hinterlassen.

 

In so einem Moment fragt Jesus, nachdem er sein Beten beendet hat, seine Jünger: „Für wen halten mich die Leute?“ Sie berichten ihm, was sie hören, was „man“ so über ihn redet. Dann aber die entscheidende Frage: Und ihr, was sagt ihr, wer ich bin? Die Antwort des Petrus ist knapp und klar: „Der Messias, der Gesalbte Gottes.“ Woher weiß Petrus, wer Jesus ist? Wie können wir heute dazu kommen, Jesus zu kennen?

 

Ich durfte Papst Johannes Paul II. öfters begegnen. Nie habe ich ihn so tief erlebt wie an diesem Abend in der Kapelle. Für mich ist es immer sehr bewegend, wenn ich jemanden betend erlebe. Da berühren wir das Geheimnis des anderen. Da sind wir nicht mehr bei unseren flüchtigen, oberflächlichen Eindrücken. Da nähern wir uns dem, was oder wer der andere wirklich ist.

 

Mich wundert es immer, warum Jesus dann gleich seinen Freunden so streng verbot, es jemandem weiterzusagen, dass er der Messias sei. Warum ermutigt er sie nicht, allen zu erzählen, wer Jesus wirklich ist? Wäre es nicht gut und sinnvoll, die falschen Ansichten, die über ihn im Umlauf sind, richtigzustellen?

 

Vielleicht wollte Jesus vermeiden, dass neue Missverständnisse entstehen. Noch war nicht sicher, dass sie verstanden haben, wer er wirklich ist. Deshalb  sagt er ihnen klar, was es für ihn bedeutet, der Messias Gottes zu sein: Leiden, Kreuz, Tod und Auferstehung. Jesus sagt seinen Freunden: Wenn ihr mich wirklich kennen wollt, dann kommt und geht mit mir meinen Weg! Macht es wie ich: Nehmt auch ihr Tag für Tag euer Kreuz auf euch und folgt mir nach!

 

Wenn wir einander nicht nur oberflächlich kennenlernen wollen, müssen wir bereit sein, uns auf andere einzulassen. Ohne Anteilnahme geht das nicht. Freude und Leid des anderen teilen: Nur so erfahre ich, wer du wirklich bist!

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