Vom Verlieren und Wiederfinden spricht Jesus heute in den beiden Gleichnissen, und auch in dem anschließenden dritten vom verlorenen Sohn und dessen Heimkehr. Heute ist für viele der Verlust des Handy eine mittlere Katastrophe. Das Gefühl der Panik ist mir vertraut. Ich dachte, ich hätte es in der U-Bahn liegengelassen, bis ich es zur großen Erleichterung in der Tasche fand. Wir haben uns an dieses kleine Gerät gewöhnt, dass wir völlig hilflos dastehen, wenn wir es nicht ständig griffbereit haben.
Aber sind die beiden Verluste, von denen Jesus erzählt, so tragisch? Wenn einer hundert Schafe hat, und eines davon verlorengeht, bleiben ihm immer noch neunundneunzig andere. Gerade einmal ein Prozent hat er abzuschreiben. Das lässt sich doch verschmerzen. Und die Frau, die eine der zehn Drachmen verloren hat, auch da kann man nicht von einer tragischen Situation sprechen, zumal die Drachme ja eine kleine Münze ist, kaum der Rede wert, auch wenn es ein Verlust von zehn Prozent ist.
Offensichtlich geht es Jesus in den beiden Gleichnissen nicht um den bloßen materiellen Wert. Wir müssen auf den Zusammenhang achten. Warum und wem erzählt Jesus diese beiden Geschichten? Es gibt Leute, die sich darüber aufregen, dass Jesus sich mit Sündern abgibt, und sogar mit ihnen isst! Merkt er nicht, in was für eine schlechte Gesellschaft er sich da begibt? Untergräbt er damit nicht die Moral der Gesellschaft, indem er sich mit Leuten zusammensetzt, die alles eher als Vorbilder für die anderen sind?
Das erste Gleichnis zeigt einen Hirten, dem jedes einzelne seiner Schafe so wertvoll ist, dass er es nicht einfach abschreibt. Er geht dem verirrten Schaf solange nach, bis er es gefunden hat. Er nimmt es auf die Schulter und bringt es voll Freude heim und teilt diese Freude seinen Freunden und Nachbarn mit. Solche Freude herrscht im Himmel „über einen einzigen Sünder, der umkehrt“.
Ich frage mich, ob Jesus es ironisch meint, wenn er von den neunundneunzig Gerechten spricht, „die es nicht nötig haben, umzukehren“. Will er damit denen, die sich selber für gerecht halten, deutlich machen, dass sie lieber auf ihre eigenen Fehler schauen sollen als mit dem Finger auf „die Sünder“ zu zeigen? Vielleicht möchte er ihnen einfach sagen: Urteile nicht über die „verlorenen Schafe“, denn du selbst kannst in die Irre gehen!
Vor allem aber ist es eine tröstliche Botschaft. Jesus sagt uns allen: Auch wenn du auf falsche Wege geraten bist, ich werde dich nie aufgeben. Ich gehe dir nach und suche dich, bis ich dich finde, und bringe dich heim! Und sollte es dir gehen wie der kleinen Münze, die irgendwo im Staub und Schmutz verlorengegangen ist, ich werde dich suchen und aufheben und reinigen. Denn du bist mir kostbar, so kostbar, dass ich dich nie für verloren gebe.