Zwischen uns und euch ist ein tiefer und unüberwindlicher Abgrund! Schärfer, treffender kann nicht beschrieben werden, wie groß der Abstand zwischen Arm und Reich oft ist. Im Gleichnis vom reichen Prasser und vom armen Lazarus gibt Jesus freilich keine Analyse über die sozialen oder wirtschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit. Erst recht geht es ihm nicht um eine Beschreibung des Jenseits, von Himmel und Hölle. Nur um eines geht es: Siehst du den Lazarus vor deiner Tür? Hast du Augen für die anderen? Bemerkst du, wo du helfen könntest, ja dringend helfen müsstest? Denn der Arme vor deiner Tür ist Gottes Schützling.
Doch der reiche Mann sieht den Armen nicht. Die Hunde kommen zu Lazarus, der Reiche nicht. Genügend Abfall bleibt vom täglich reich gedeckten Tisch des Reichen, um auch Lazarus genug zu essen zu geben, aber niemand gibt es ihm.
Der Abgrund zwischen den beiden wäre ganz leicht zu überwinden. Der Reiche müsste nur die Augen öffnen. Aber er sieht nur sich selber, sein bequemes Luxusleben. Sein Reichtum hat ihn blind gemacht.
Mich hat immer wieder erschüttert, in Ländern der sogenannten „Dritten Welt“ das krasse Nebeneinander von größter Armut und von großem Reichtum zu erleben. Neben einem Luxusviertel die Blechhütten der Ärmsten. Wie hält man es aus, so mit dem Elend vor der eigenen Tür zu leben, habe ich mich oft gefragt. Mit seinem Gleichnis stellt aber Jesus an jeden die ganz persönliche Frage: Wer ist Lazarus vor deiner eigenen Tür? Wer bräuchte dringend deine Aufmerksamkeit? Merkst du, wen du übersiehst? Spürst du den Hunger des anderen, vielleicht nicht nach Brot, aber nach Liebe und Zuwendung?
Lazarus stirbt. Und bald danach auch der Reiche. Der Tod macht keinen Unterschied. Arme und Reiche behandelt er gleich. Gegen den Tod hilft kein großes Vermögen. Und wie ist es nach dem Tod? Jesus gibt vor allem eine Botschaft an die Lebenden: „Drüben“ herrscht Gerechtigkeit. Im Leben nach dem Tod ist alles spiegelverkehrt. Der Reiche hat im Leben schon alles gehabt, der Arme nichts. Jetzt wird Lazarus getröstet „in Abrahams Schoß“, der Reiche leidet jetzt die Qualen, die er zu Lebzeiten bei Lazarus nicht gesehen hat.
Jesus spricht eine klare Warnung aus: Wer hier nicht barmherzig ist, wird dort keine Barmherzigkeit erfahren. Wer hier hartherzig ist, muss drüben mit einem harten Gericht rechnen. Ich glaube nicht, dass Jesus das als etwas Automatisches sieht: dem Reichen geht es drüben schlecht, dem Armen gut. Seine Botschaft ist vielmehr: Es kommt darauf an, was du jetzt tust, wie du dich heute verhältst. Es gibt Reiche, die ein großes Herz haben. Es gibt Arme, die ihr Herz verschließen. Dein ewiges Los entscheidet sich nicht erst drüben. Es liegt heute in deiner Hand. Schau vor deine Tür! Wer ist dein Lazarus?