Einladend ist die Gegend sicher nicht: die Wüste beim Toten Meer. In dieser Landschaft, die außer Sand und Steinen nichts zu bieten hat, lebt ein Mann, dessen Äußeres nicht gerade anziehend ist. Er trägt ein Gewand aus Kamelhaaren, vermutlich eher unbequem und stachelig. Und wovon ernährt er sich in dieser Wüste, in der nichts wächst? „Heuschrecken und wilder Honig waren seine Nahrung.“
Zu diesem seltsamen Mann kommen Menschen in Scharen. Sie sind nicht von seinem Äußeren abgestoßen. Im Gegenteil. Johannes, so heißt er, zieht an. Was ist es, das so viele Menschen hinauslockt in die Wüste von Judäa. Ich glaube, dafür gibt es nur eine Erklärung: Johannes war glaubwürdig. Was er sagte, lebte er. Sein Leben war selber schon eine Predigt.
„Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“ Dieser Rufer in der Wüste berührte die Menschen, und sie kamen in Scharen zu ihm. Auch heute ist der Ruf zur Umkehr ständig zu hören. Nicht nur unser äußerer Lebensstil wird in Frage gestellt. Noch tiefer geht der Ruf zur inneren Umkehr: Eine alte Feindschaft endlich einmal zu begraben. Eine tiefsitzende Bitterkeit über erlittenes Unrecht aufzugeben. Einen Vorwurf gegen eine andere Person nicht endlos weiterzutragen.
Der Ruf des Johannes zur Umkehr wirkte so mächtig, dass die Menschen zu ihm in die Wüste kamen. „Sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen.“ Sie trauen sich, diesem sonderbaren Wüstenbewohner ihre Sünden zu bekennen. Wie schaffte er es, so viel Vertrauen zu wecken, dass die Menschen ihr innerstes Herz öffneten und ihm alles sagten, was in ihrem Leben danebengegangen war? Als Zeichen, dass sie wirklich ihre Sünden losgeworden sind, taucht Johannes jeden Einzelnen im Jordanwasser unter. Reingewaschen von allem, was sie belastet hat, können sie wieder in ihren Alltag zurückkehren. Eine gute Beichte kann eine ähnliche Wirkung haben!
Johannes ist inzwischen so bekannt geworden, dass nicht nur einfache Leute zu ihm kommen, sondern auch „Obrigkeiten“, also die religiöse Elite des Landes, Pharisäer und Sadduzäer. Kommen sie, weil der Ruf zur Umkehr sie berührt hat? Oder ist es Neugierde?
Johannes packt sie scharf an: „Ihr Schlangenbrut!“ Was wirft er ihnen mit so harschen Worten vor? Glaubt nicht, dass ihr besser seid als die einfachen Leute, auf die ihr gerne herunterschaut. „Bringt Frucht, die eure Umkehr zeigt.“ Gerade von euch, den religiösen Obrigkeiten, wird erwartet, dass ihr glaubwürdig seid. Glaubt nicht, ihr könnt euch auf euren Privilegien ausruhen: „Wir haben ja Abraham zum Vater.“ Ich frage mich, wie viele von den führenden Leuten damals von Johannes berührt wurden. Manche werden sich in ihrem Urteil über diesen „Spinner in der Wüste“ bestätigt gefühlt haben. Der eine oder andere aber wird wohl nachdenklich nach Jerusalem zurückgekehrt sein.
Johannes war ein ganz Großer. Streng gegen sich selber, barmherzig mit allen, die ehrlich bereuen, unerbittlich gegen die, die von sich selber überzeugt waren. Johannes bleibt ein großes Vorbild.