Jeder Staat hat seine Verfassung. Jeder Verein hat seine Satzungen. Viele Unternehmen haben heute ein Leitbild. Jesus hat seiner Gemeinschaft die „Seligpreisungen“ mit auf den Weg gegeben. Sie sind gewissermaßen die Verfassung, die Satzung, das Leitbild für die neue, gerechtere, bessere Welt, wie Jesus sie sah und erhoffte. Kein kompliziertes Regelwerk, keine ausschweifenden Leerformeln, sondern acht kluge Worte, jedes für sich ein Programm.
Jesus hat diese acht Leitsätze auf einem Berg gelehrt, einer Anhöhe oberhalb vom See Genesareth. Was Jesus da verkündet hat, stellt die Wertvorstellungen, die in der Welt gelten, auf den Kopf. Die acht Seligpreisungen sind Glücksverheißungen. Aber sie gehen unseren normalen Glückserwartungen gegen den Strich. Das beginnt gleich mit der ersten Zusage: „Selig, die arm sind.“ Ihnen gibt Gott das Himmelreich, also das große Los, das volle Glück. Wer reich ist, gilt als glücklich. Wer den Jackpot im Lotto trifft, gilt als Glückspilz. Jesus zieht es zu den Armen hin. Er übersieht sie nicht. Sie sind seine Bevorzugten. Aber was bietet er ihnen? Trost? Vertröstung? Einmal wird es euch besser gehen? Was bringt ein solches Wort den wirklich Armen?
Jesus hat die Welt revolutioniert. Jetzt gilt nicht mehr: Wer arm ist, hat Pech gehabt! Sondern: Wer arm ist, dem gehört Gottes ganze Zuwendung. Jesu Ankündigung hat weltweit zahllose Menschen berührt, ihr Herz und ihre Phantasie bewegt, die Armen anders zu sehen, ihnen zu helfen, sie als Geschwister zu sehen und nicht von ihrer Not wegzusehen. Das macht glücklich.
Revolutionär sind auch die anderen sieben Seligpreisungen. Was ist so selig an der Trauer? Ist das nicht übertrieben? Für eine Spaßgesellschaft ist das unverständlich. Aber wer kann es sich in einer Welt, wo alles lustig sein muss, leisten, die eigene Trauer zu zeigen? Und doch, wie gut tut es, wenn jemand die Trauer mit anderen teilen kann. Gott schenkt Trost durch Menschen, die der Trauer der anderen mit dem Herzen begegnen.
In einer Welt voller Gewalt ist das Wort von den Gewaltlosen eine Hoffnung. Die Spirale der Gewalt wird nicht durch noch mehr an Gewalt durchbrochen. Den Sanftmütigen verheißt Jesus den Sieg. Und er hat immer wieder Recht behalten.
Die vierte Seligpreisung gilt denen, die sich so sehr nach mehr Gerechtigkeit sehnen, wie Hungrige und Durstige nach Nahrung und Trank. Solange wir mit den vielen kleinen Ungerechtigkeiten mitspielen, wird das Böse bei uns bleiben.
„Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden.“ Wer die bisherigen vier Seligpreisungen beherzigt, wird selber barmherzig sein. Wer sie nicht befolgt, Arme verachtet, Trauernde links liegen lässt, sich der Gewalt verschreibt, ungerecht handelt, dessen Herz wird hart und unbarmherzig. Was soll daran glücklich sein?
Jesus preist selig, wer ein „reines Herz“ hat und Frieden zu stiften sucht. Wenn wir jemanden als „herzensgut“ bezeichnen, dann trifft das Jesu Verheißung. Aber machen alle diese Haltungen, die Jesus selig preist, nicht schwach und verletzlich? Jesus weiß, dass es so ist. Aber was ist besser: Verletzlich sein oder andere verletzen? Ja, die Charta Jesu macht verwundbar. Und zugleich ganz stark. Denn sie macht uns wirklich menschlich.