Mit Frauen redet man nicht, und erst recht nicht mit Frauen einer anderen Religion und Kultur! Das war damals Brauch, nicht nur bei den Juden. In manchen Kulturen ist es bis heute so. Jesus scheut sich nicht, als Jude diese Frau anzusprechen, die da in der Mittagshitze („die sechste Stunde“) mit ihrem Krug zum Jakobsbrunnen kommt.
Die Begegnung zwischen Jesus und dieser Frau berührt mich immer neu. Sie sagt so viel über die Art, wie Jesus Menschen begegnet, und wie wir einander begegnen könnten, wenn wir seinem Beispiel folgen.
Jesus beginnt mit einer Bitte: Gib mir zu trinken! Er kommt nicht mit frommen Reden, sondern mit einer Bitte, fast wie ein Bettler. Denn er hat kein Schöpfgefäß, um sich selber das Wasser aus dem tiefen Brunnen zu besorgen. Wie oft öffnet eine einfache, bescheidene Bitte das Herz des anderen!
Die Frau wundert sich, dass ein Mann, ein Jude, sie, eine Frau und Samariterin, einfach und direkt anspricht und um Hilfe bittet. Ihr Herz öffnet sich. So kann Jesus ihr sein Herz öffnen. Er spricht von einer größeren Gabe, die er ihr geben will, einem Quell, der ein volles, glückliches Leben schenkt.
Plötzlich spricht Jesus ihre Lebenssituation an: Ruf deinen Mann und komm mit ihm her! Sie versucht auszuweichen: „Ich habe keinen Mann!“ Darauf sagt Jesus ihr die bittere Wahrheit über ihr trauriges Leben auf den Kopf zu: „Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Damit hast du die Wahrheit gesagt.“
Wie schafft es Jesus, so klar und ohne herumreden die Wahrheit zu sagen, ohne zu verletzen? Es muss im Ton seiner Worte, im Ausdruck seines Gesichts, in seinem Blick etwas gewesen sein, das dieser unglücklichen Frau die Sicherheit gab, nicht verachtet und verurteilt zu sein. Alle wussten, wie sie lebte. Alle kannten ihre endlosen Männergeschichten. Und alle haben über sie getratscht und geurteilt. Und letztlich haben ihre vielen Männer sie wohl nie wirklich geachtet und geliebt. Ich höre in ihrer Antwort an Jesus einen tiefen Schmerz, viel enttäuschte Sehnsucht: „Ich habe keinen Mann!“
Und jetzt geschieht die große Wende in ihrem Leben. Sie läuft in ihr Dorf und sagt: „Da ist ein Mann, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe!“ Plötzlich traut sie sich, ihr verpfuschtes Leben offen anzusprechen. Sie, die ausgestoßene Sünderin, führt nun selber das ganze Dorf zu Jesus hinaus. Und viele entdecken in diesem Juden am Jakobsbrunnen den, dem sie alles anvertrauen können. Denn nicht nur die Frau mit ihren vielen Männern, wir alle brauchen einen, der uns die ganze Wahrheit über unser Leben sagt, ohne uns zu verurteilen. Wie befreiend ist diese Begegnung!