Der russische Schriftsteller Michail Bulgakow (1881-1940) wurde vor allem durch seinen Roman „Der Meister und Margarita“ bekannt. Manche halten dieses Buch für den besten russischen Roman des 20. Jahrhunderts. Mir ist vor allem eine Szene stark in Erinnerung geblieben. Darin kommt etwas vor, an das ich selber nie gedacht hatte und das ich seither immer vor Augen habe, wenn ich an die Kreuzigung Jesu denke: die Fliegen!
Bulgakow schildert die Fliegenplage des Gekreuzigten. Schweiß und Blut auf seinem Gesicht ziehen Schwärme von Fliegen an. Wehrlos ist der Gekreuzigte ihnen ausgeliefert.
Der Bericht des Evangeliums schildert keine solchen Einzelheiten. Er ist nüchtern und knapp: „Dort kreuzigten sie Jesus und mit ihm zwei andere.“ Kein Wort über die Grausamkeit dieses Geschehens. Alle wussten damals, was kreuzigen heißt. Für viele ein allzu gewohnter Anblick.
Wer großem Leid begegnet, kann hinschauen oder wegschauen, kann weitergehen oder stehenbleiben. Aber nicht jeder, der hinschaut und stehenbleibt, hat auch Mitgefühl mit dem Leidenden. Viele blieben damals stehen und lasen das Schild, das oben am Kreuz angebracht war. Da stand üblicherweise der Grund für die Kreuzigung, das Verbrechen, wofür die Todesstrafe verhängt worden war. Bei Jesus stand gleich in drei Sprachen: „Jesus von Nazareth, König der Juden.“ Das klang wie ein Hohn, wie Spott, und war doch auch Ausdruck einer Ahnung, die Pilatus wohl spürte.
Man kann großem Leid auch mit sachlichem Abstand begegnen. So ging es wahrscheinlich den Soldaten, die Jesus und die beiden anderen gekreuzigt hatten. Sie haben ihre Pflicht getan.
Mitten in der Menschenmenge, die da an der Richtstätte, am Golgota-Hügel, vorbeigeht, sind einige, die da stehen, um wirklich bei den Gekreuzigten zu sein. Aus den traditionellen Bildern sind wir gewohnt, vor allem drei Personen bei dem Kreuz Jesu stehen zu sehen: Maria, seine Mutter; Johannes, der Lieblingsjünger Jesu, und Maria von Magdala. Es waren aber mehr als diese drei Personen. Es ist die Rede von der Schwester seiner Mutter, also der Tante Jesu. Und von der Frau des Klopas, die auch Maria hieß. Klopas dürfte der Bruder des Joseph gewesen sein. So war diese Maria auch eine Tante Jesu. Ich finde es sehr tröstlich, dass in dieser schrecklichen Stunde besonders ganz nahe Verwandte bei Jesus waren. Sie haben ihn nicht allein gelassen. Und Jesus denkt trotz der unsäglichen Situation nicht an sich, sondern an seine Mutter. Er vertraut sie dem an, den er besonders geliebt hat, dem Johannes.
Er, der das alles aufgeschrieben hat, ist sehr sparsam mit Gefühlsausdrücken. Johannes sagt nur, dass er von dieser Stunde an Maria, die Mutter Jesu, zu sich nahm. Er war von jetzt an bis zu ihrem Lebensende für sie da. Und sie war ihm nahe wie eine Mutter. Wieviel leichter ist das Leben in Zeiten großen Leides, wenn wir nicht wegschauen, sondern aufeinander schauen, füreinander da sind, zueinander stehen.