Es ist schon etwas ganz besonderes, über dieses Evangelium an dem Ort nachzudenken, am dem es sich abgespielt hat. Ich darf diese Tage nach Ostern in Galiläa verbringen, am See Genesareth, auf dem Berg der Seligpreisungen, von dem aus sich ein wunderbarer Blick auf den ganzen See darbietet. Ich kann nicht vergessen, dass wenige Kilometer von hier entfernt Syrien liegt, das leidgeprüfte Land, in dem nun schon im sechsten Jahr ein nicht enden wollender Krieg tobt, mit unzähligen Opfern.
Hier, um diesen See haben sich die wenigen Jahre des öffentlichen Wirkens Jesu abgespielt. Hier hat er gewirkt, gepredigt, geheilt, getröstet. Hier haben sich ihm Männer und Frauen angeschlossen, die den ersten Kreis dessen gebildet haben, was dann die Kirche werden sollte. Kurz: Hier ist die Wiege des Christentums. Darum ist es so kostbar, an diesen See und seine Orte zurückkehren zu dürfen. In Galiläa hat alles angefangen. Hier ist das Evangelium greifbar. Hier ist Jesus nahe.
Schon damals hat es die Jünger Jesu nach Galiläa gezogen. Nach den dramatischen Tagen in Jerusalem kehren sie dorthin zurück, wo sie Jesus zum ersten Mal begegnet sind. War es die Sehnsucht nach den wunderbaren Tagen des Anfangs? Vielleicht war es auch ein ganz praktischer Grund, der sie bewog, Jerusalem zu verlassen und nach Galiläa zurückzukehren: Dort waren sie zu Hause. Dort lebten ihre Familien. Dort hatten sie ihren Beruf. Und das Leben musste weitergehen.
So sagt Petrus nüchtern: Ich gehe fischen! Andere schließen sich ihm an. Die erste Ausfahrt war ernüchternd erfolglos: Sie fingen nichts! Als sie im Morgengrauen am Ufer einen Mann stehen sehen, der sie behutsam fragt, ob sie etwas zu essen hätten, ist ihre Antwort kurz und trocken: Nein! So sieht also ihre Heimkehr nach Galiläa aus: Nicht sehr ermutigend!
Doch dann ändert sich alles: Der Unbekannte am Ufer ermutigt sie, es nochmals zu versuchen. Und plötzlich sind ihre Netze zum Platzen voll von Fischen. Johannes versteht als erster, wer da am Ufer steht: Es ist der Herr! Und Petrus beeilt sich, als erster bei ihm zu sein. Sie finden Jesus wieder, wie in den Tagen, als alles anfing. Und doch ist alles anders. Jesus ist nicht mehr wie früher mit ihnen. Er ist schon in der anderen Welt. Sie sind noch hier. Aber ihr Leben hat sich geändert. Sie haben jetzt die Gewissheit, dass Jesus lebt. Und dass er bei ihnen bleibt, nicht wie früher, als sie mit ihm von Dorf zu Dorf zogen, sondern ganz neu: Er ist immer mit ihnen, wohin sie auch gehen. Und in dieser Sicherheit machen sie sich auf den Weg.
Hier in Galiläa hat Jesus sie ausgesendet. Geht in alle Welt und macht alle Menschen zu meinen Jüngern! Von diesem kleinen Flecken Erde, dem Land um den See Genesareth, ging das Evangelium hinaus in die ganze Welt. Es tut gut, hierher zu kommen und neu zu erfahren, worum es Jesus wirklich ging. Eine Pilgerfahrt ins Heilige Land kann auch für uns ein Neuanfang werden.