Wir kennen sie alle, die gelbe Frühlingsbotin, die Primel, Schlüsselblume oder einfach Himmelschlüssel genannt. Letzteren Namen hat sie wohl vom heutigen Evangelium erhalten, von Simon, auch Petrus genannt, dem Jesus feierlich zugesagt hat: „Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben.“ Deshalb wird Petrus meist mit Schlüsseln in der Hand dargestellt. Zum päpstlichen Wappen gehören stets die gekreuzten Schlüssel. Denn der Papst gilt als Nachfolger des Petrus.
Was aber bedeuten diese Schlüssel? Wer den Hausschlüssel hat, kann ins Haus hinein und auch anderen die Türe öffnen. Peinlich ist es, wenn man den Schlüssel vergessen oder verloren hat. Wir reden von Schlüssel-Positionen, wenn Menschen eine hohe Verantwortung tragen. Sie können viel Gutes bewirken, aber auch vieles „verhauen“: durch Missbrauch ihrer Stellung oder einfach dadurch, dass sie ihrer Schlüsselposition nicht gewachsen sind, überfordert durch eine zu große, schwierige Aufgabe, oder wenn sie nicht umgehen können mit zu viel Macht, die mit der zu hohen Stellung verbunden ist. Dann kommt es nur allzu leicht zu Korruption, zur Versuchung, die „Schlüsselgewalt“ zu missbrauchen.
Hat Jesus Petrus überfordert? Hat er ihm eine Macht anvertraut, die ein schwacher, fehlerhafter Mensch gar nicht verkraften kann? „Was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“ Ist das nicht zu viel an Macht? Öffnet das nicht Tür und Tor für Willkür? Wo bleibt da die so notwendige Kontrolle der Macht? Genau aus diesem Bestreben sind ja die modernen Demokratien entstanden. Macht braucht Kontrolle! Daher die Gewaltentrennung, die Unabhängigkeit der Justiz, die Institutionen des Rechtsstaates, die das Abgleiten in Diktatur verhindern sollen. Wir dürfen wirklich dankbar sein, dass dadurch der Macht Grenzen gesetzt sind, auch wenn es trotz aller Kontrollen immer wieder Machtmissbrauch gibt.
Welche Macht hat Jesus dem Petrus gegeben? Und wenn wir sagen, der Papst sei der Nachfolger des Petrus, welche Macht hat der Papst? Und wer kontrolliert ihn, um Machtmissbrauch zu verhindern? Papst Franziskus lebt es vor, wie er den Auftrag Jesu versteht. Er hat den Namen des Franziskus, des heiligen Franz von Assisi gewählt. Das ist ein Programm. Er verfügt über keine Armee, er ist nicht der Herrscher eines der G20, der mächtigsten Länder. Die Schlüssel, die Jesus ihm anvertraut hat, sind die des Evangeliums. Mit ihnen soll er die Herzen für Gott öffnen und die Hände für die Not der Armen. Mit dieser Schlüsselgewalt soll er für Frieden und Versöhnung werben. Und Papst Franziskus scheut sich nicht, auch Unpopuläres einzumahnen, wenn er für die Flüchtlinge eintritt.
Jesus hat Petrus viel zugetraut, obwohl er wusste, dass Petrus ein schwacher und fehlerhafter Mensch war. Durch das Vertrauen Jesu wurde er stark im Glauben, bis zur Hingabe seines Lebens. Deshalb hat er die Himmelschlüssel, um uns allen, schwach wie wir sind, einmal die letzte, die wichtigste Tür, die Himmelstür zu öffnen.