Fremd geworden ist uns der Gedanke des Weltgerichts. Vom großen Gericht am Ende der Zeit aber spricht die Bibel oft. Und über die Jahrhunderte wurde in zahllosen Darstellungen immer wieder das Gericht Gottes in Erinnerung gerufen. Am bekanntesten ist wohl das riesige Fresko von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan. Mit dem Blick auf Christus als Weltenrichter wählen dort die Kardinäle den Papst. Zweimal durfte ich selber daran teilnehmen, bei der Wahl von Papst Benedikt im Jahr 2005, und der von Papst Franziskus 2013. Beide Male hat es mich stark bewegt, im Angesicht dieses gewaltigen Gerichtsbildes meine Stimme zur Wahl des Papstes abzugeben.
Müssen wir es fürchten, oder dürfen wir es mit Zuversicht erwarten, das große Weltgericht? Oder ist das, was da an Vorstellungen von Gott als Richter vermittelt wird, im Grunde nur eine Angstmacherei der Kirche? Es lohnt sich zu fragen, wie wir uns selber, ganz persönlich, diesen Moment vorstellen. Denken wir daran? Werde ich einmal Rechenschaft über mein Leben geben müssen? Wie werde ich dastehen, wenn ich vor Gott erscheinen muss, und er mein ganzes Leben prüft? Ich vermute, dass die meisten von uns nicht täglich an diese Fragen denken. Gelegentlich aber tauchen sie auf. Lösen sie dann Angst aus? Oder eher Vertrauen?
Jesus gibt der Frage nach dem Endgericht eine überraschende Wendung. Der springende Punkt, die entscheidende Frage beim Gericht, ist nicht: Was hast du getan? Was waren deine bösen Taten? Was hast du angestellt? Nicht die Taten können uns zum Verhängnis werden, sondern die Unterlassungen! Und diese haben ein solches Gewicht, dass sie uns ins ewige Unglück stürzen können. So sagt Jesus mit erschreckender Deutlichkeit: "Ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben."
Kann ein Versäumnis so schreckliche Folgen haben? Wir übersehen doch manchmal Nöte anderer Menschen ohne böse Absicht. Wir können auch nicht alles Leid der Welt wahrnehmen, allen Menschen helfen. Aber darum geht es auch nicht. Jesus hat nicht verlangt, dass wir die ganze Welt befreien, alle Hungernden sättigen und alle Fremden aufnehmen. Gottes Gericht ist ganz konkret und praktisch. Wo hätte ich tatsächlich helfen können und habe es verabsäumt?
Doch das Entscheidende ist noch nicht gesagt: Was ihr einem dieser Armen, Nackten, Heimatlosen getan habt, das habt ihr mir getan! Im Hungrigen wartet Gott selber auf meine Hilfe. Der Obdachlose, dem ich Quartier gebe, erweist sich als Jesus selbst. In dem Kranken, der auf meinen Besuch hofft, wartet Jesus selber auf mich. Denn Jesus steht hinter den Armen, Kranken und Hungernden. Ihm begegnen wir, wenn wir vor der Not des Nächsten nicht weglaufen. Ihn versäumt, wer sein Herz vor dem Armen verschließt.
Brauchen wir das Jüngste Gericht zu fürchten? Sicher nicht, wenn uns die Not der Anderen nicht gleichgültig ist. Das Jüngste Gericht findet jetzt statt.