Weltweit wächst die Wüste. 35 Prozent der Landoberfläche der Erde sind Wüstengebiete. Jedes Jahr kommen 70.000 Quadratkilometer dazu. Das entspricht der Fläche Irlands. Ausführliche Dokumentationen behandeln die Frage, warum die Wüste wächst. Die Ursachen sind weitgehend vom Menschen gemacht: Vernichtung der Wälder, Übernutzung der Böden, Überweidung der Flächen, Verschmutzung von Wasser. Und zu all dem trägt das enorme Bevölkerungswachstum bei. Der Klimawandel verschärft zusätzlich die Situation.
Niemand kann auf die Dauer verleugnen, dass die Gefahren wachsen. Menschen suchen neue Lebensräume, um der Wüste zu entgehen. Migration ist die Folge. Klimaflüchtlinge. Konflikte um Ressourcen. Verknappung von fruchtbarem Land. Hungerkatastrophen.
Auch andere Wüsten wachsen. Die Betonwüsten der endlos sich ausbreitenden Riesenstädte, die landwirtschaftlichen Boden zubauen. Wüste ist ein Ort der Einsamkeit. Die seelischen Wüsten wachsen. Wir vereinsamen hinter unseren Handys. Jeder für sich allein, immer online, aber immer weniger Zeit füreinander. Echte Gemeinschaft, Austausch, Gespräch: Auch hier wächst die Wüste.
Und doch: In der Menschheitsgeschichte war die Wüste oft der Ort, wo Neues begann. Wüsten sind Räume der Gottesbegegnung. Abraham, der Vater unserer Religionen, Juden, Christen, Muslime, lebte als Nomade im Wüstengebiet des Heiligen Landes. Hier wurde er offen für die Stimme Gottes. Johannes der Täufer lebte in der Wüste, in äußerster Armut, aber ganz bereit, um Gottes Ruf zu hören. Ein neuer Anfang kommt aus der Wüste, eine Stimme ruft: „Bereitet dem Herrn den Weg!“
„So trat Johannes der Täufer in der Wüste auf und verkündigte Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden.“ Und nun das Erstaunliche: Scharen von Menschen zieht es hin zu diesem Rufer in der Wüste. Sie gehen zu ihm, sie erkennen und bekennen, was in ihrem Leben falsch gelaufen ist. Sie lassen sich von dem Mann im seltsamen Gewand aus Kamelhaaren im Jordanwasser untertauchen, um das zu versuchen, was wir alle heute so dringend brauchen: umzukehren, das Leben zu ändern.
Aus der Wüste kommt ein Neuanfang. Eine frohe Botschaft beginnt ihren Weg zu den Menschen. „Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes“: Mit diesen Worten beginnt das Markusevangelium, das uns nun ein Jahr lang, Sonntag für Sonntag, bis zum nächsten Advent, begleiten wird. Die Wüste ist nicht die Endstation. Unsere Welt muss nicht eine immer größere Wüste werden. Umkehr ist möglich. Ein Neubeginn kann gelingen. Die Stimme, die in der Wüste ruft, macht uns Mut: Sie kündigt das Kommen des Retters an.
Der Dichter Friedrich Hölderlin hat das kostbare Wort geprägt: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Es stimmt: Weltweit wachsen die Wüsten aller Art. Aber das Rettende wächst ebenso. Advent ist Zeit der Besinnung, der Umkehr, des Neuanfangs. Bald werden viele zu Weihnachten das „Stille Nacht“ singen. Und sie werden dankbar bekennen: „Christus, der Retter, ist da!“