Wir Menschen sind kompliziert. Vor allem wir Erwachsene. Das Leben ist kompliziert, die menschlichen Beziehungen sind oft schwierig. Wie erfrischend ist es in der Welt von uns Erwachsenen, einem Kind zu begegnen. Kinder sind einfach. Sie können sich nicht verstellen. Sie verbergen nicht, was sie empfinden. Kinder sind entwaffnend. Selbst hartgesottene Erwachsene werden weich, wenn sie mit einem kleinen Kind zu tun haben.
Gott ist einfach. Aber für uns komplizierte Menschen ist es nicht einfach, ihn zu begreifen. Deshalb wollte Gott uns auf ganz fassbare Weise zeigen, wie einfach er ist. Gott hat uns ein Zeichen gegeben: ein Kind! Gott hat sich klein gemacht, damit wir ahnen, dass er nicht kompliziert ist. Gott hat sich klein gemacht, damit wir ihn verstehen können, ihn annehmen und lieben. Das ist das Wunderbare an Weihnachten.
Meine Mutter hat uns erzählt, wie das im Jahr 1946 war, als sie mit mir als Einjährigem, und meinem damals dreijährigen Bruder versuchte, über den Semmering per Bahn nach Graz zu gelangen, aus der Russenzone in die englische Zone. Der Semmering, Grenze zwischen Niederösterreich und der Steiermark, war die gefürchtete Zonengrenze. Ein russischer Soldat prüfte ihre Papiere und sagte hart das bedrohliche Wort: „Nix gut Papiere!“ Das konnte heißen, dass man aus dem Zug musste, ins Ungewisse, möglicherweise in ein Lager. Als der Soldat dann meinen Bruder sah, der seelenruhig mit etwas spielte, hellte sich sein Gesicht auf, er begann zu lächeln, streichelte meinen Bruder über die Haare und sagte das Befreiende: Gut!
Gott will unsere oft so harten Herzen berühren. Er konnte es nicht besser tun als durch ein Kind. Was der Engel den Hirten am Feld bei Bethlehem sagte, macht bis heute die Heilige Nacht zu etwas Einzigartigem: „Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren … Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.“
Und wie die Hirten das Kind fanden, so will Gott, dass auch wir ihn finden, im Kind in der Krippe, und dass wir die Angst vor Gott verlieren, und dass wir begreifen, wie einfach Gott ist und wie nahe, und dass er uns Freude und Vertrauen schenken will und als Weihnachtsgeschenk seinen Frieden.
Weihnachten ist das Fest der Kinder. Deshalb lenkt es unseren Blick auf all die leidenden und missbrauchten Kinder in der Welt, die geborenen wie die ungeborenen: Auf die Kinder, die als Soldaten in eine Welt der Gewalt hineingestoßen werden; auf die Kinder, die betteln müssen; auf die Kinder, die an Hunger sterben; auf die Kinder, die keine Liebe erfahren: „In ihnen allen ruft das Kind von Bethlehem uns an, ruft Gott uns an, der sich klein gemacht hat“ (Papst Benedikt XVI.).
Heute sagt uns Gott, welche Würde jedes Kind hat. Denn Gott selber ist ein Kind geworden. Mehr als alle Weihnachtsgeschenke brauchen Kinder das Wichtigste im Leben: die Liebe. Heute spüren auch wir Erwachsene, mit unseren oft komplizierten Lebensgeschichten, wie nahe uns Gott ist im Kind von Bethlehem, im Christkind.