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Tempelreinigung heute

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 4. März 2018 (Joh 2,13-25)

03.03.2018
Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 4. März 2018 (Joh 2,13-25)
© bilderbox.com
Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 4. März 2018 (Joh 2,13-25)

Heiliges und Unheiliges wohnen oft nahe beieinander. Wer Wallfahrtsorte aufsucht, ist oft hin- und hergerissen zwischen dem heiligen Ort und dem unheiligen Betrieb rundherum. Da wird viel gebetet, aber auch viel Geschäft gemacht. Das liegt nicht nur an den Geschäftsleuten, die ihre „Standln“ betreiben, sondern auch an den Pilgern selber, die von ihrer Wallfahrt Andenken mitnehmen wollen.

 

Heiligtümer, Wallfahrtsorte, sind immer auch wichtige Wirtschaftsfaktoren. Geld und Geschäft gab es immer schon im Umfeld heiliger Orte. Schon die Bibel weiß von der Versuchung, das Heilige ganz unheilig zu missbrauchen.

 

Der Tempel in Jerusalem war Jesus heilig. Von Kind an ist Jesus mit seinen Eltern und Verwandten von Nazareth in Galiläa zu den Festen nach Jerusalem hinaufgepilgert. Und mit den anderen Pilgern hatte er sich angewöhnt, die Pilgerlieder, die Wallfahrtspsalmen zu singen, etwa den Psalm 122: „Wie freute ich  mich, als man mir sagte: Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern. Schon stehen unsere Füße in deinen Toren, Jerusalem…“ Die Freude war immer wieder groß, wenn die Pilgerschar vom Ölberg aus zum ersten Mal den prachtvollen Tempel sah: „Jerusalem, du Stadt, dicht gebaut und fest gefügt“, so sang man bei diesem Anblick.

 

Umso besser können wir den „heiligen Zorn“ Jesu verstehen, als er am heiligen Ort, im Vorhof des Tempels, all die „Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben fand, und die Geldwechsler, die dort saßen“. So haben wir Jesus noch nie gesehen. Er, der von sich selber gesagt hat, er sei sanftmütig und demütig, er, der überall Frieden und Versöhnung gepredigt hat, macht eine Geißel aus Stricken und treibt damit alle die Händler aus dem Tempel hinaus: „Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle.“

 

War Jesus ein Revolutionär? Hat er gar durch diese Aktion die Anwendung von Gewalt gutgeheißen? Religion und Gewalt: Das ist ein Thema, das heute die ganze Welt bewegt. Im Namen Gottes werden Menschen umgebracht. Selbstmordattentäter sprengen sich in die Luft und töten viele andere mit sich. Im Namen der Religion werden Andersgläubige diskriminiert, verfolgt, vertrieben. So wird oft Gewalt mit Religion verknüpft, durch Religion gerechtfertigt. Verständlich, dass Menschen sich deshalb von der Religion abwenden, weil sie von so viel Gewalt angewidert sind.

 

Hat Jesus religiöse begründete Gewalt gutgeheißen? Er selber gibt die Antwort. Als man ihn zur Rede stellt, warum er so hart gegen die Händler im Tempel vorgeht, antwortet er mit einem rätselhaften Wort: „Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufbauen.“ Jesus meinte nicht den prachtvollen Tempel in Jerusalem, sondern „den Tempel seines Leibes“. Er deutet damit an, dass man ihn töten werde, dass er aber nach drei Tagen auferstehen wird.

 

Was Jesus damals im Tempel in Jerusalem tat, war vor allem symbolischer Art. Ein Einzelner, nur mit einer „Geisel aus Stricken“ bewaffnet, kann nicht den ganzen Tempel von Händlern „reinigen“. Jesus hat nicht Gewalt gepredigt, sondern zu Umkehr und Besinnung aufgerufen. Es tat ihm weh, was die Menschen aus dem „Haus meines Vaters“ gemacht haben. Diese „Tempelreinigung“ ist bis heute ein Dauerauftrag Jesu an uns alle“!

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