Das heutige Evangelium schließt mit einem Wort, das voll Hoffnung ist: „Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen.“ Jesus deutet damit an, „auf welche Weise er sterben werde“. Das heißt, er spricht vom Kreuz, das ihm bevorsteht, von seinem schrecklichen Tod. Wenn er da hängen wird, hilflos angenagelt zwischen Himmel und Erde, dann, in dieser völligen Ohnmacht, werde er alle an sich ziehen. Er sagt nicht: einige Menschen. Er spricht nicht von ein paar ganz Frommen. Er sagt schlicht und einfach: Alle!
Dieses Wort hat mich schon oft getröstet. Es sagt doch, dass Jesus wirklich für alle Menschen da sein wollte, nicht nur für ein paar Auserwählte. Das heißt doch, dass Jesus keine Unterschiede macht. Weder die Religion noch die Hautfarbe, weder das Alter noch die Begabung, weder Mann noch Frau, weder Einheimischer noch Fremder, keiner dieser vielen Unterschiede ist für Jesus ein Grund, Menschen auszuschließen. Alle, das heißt wirklich alle, ausnahmslos.
Anlass für Jesus, dieses Wort zu sagen, war ein ganz konkretes Ereignis. Jesus ist mit vielen Pilgern nach Jerusalem hinaufgezogen, denn das Osterfest war nahe, das jährliche Hauptfest der Juden, das auch zum wichtigsten Fest der Christen werden sollte. Unter den vielen tausenden Pilgern befanden sich nicht nur Juden, sondern auch Heiden, Menschen anderer Religionen, die irgendwie von der jüdischen Religion angezogen waren. Die Bibel nennt sie oft einfach „Griechen“, das heißt Nicht-Juden, Andersgläubige.
Einige von diesen andersgläubigen Pilgern wenden sich an einen der Begleiter Jesu mit der Bitte: „Wir möchten Jesus sehen.“ Irgendetwas zog sie zu Jesus hin. War es einfach Neugierde? Wollten sie den wundertätigen Rabbi aus Galiläa kennenlernen, von dem damals so viel gesprochen wurde? Oder war es etwas mehr als nur Neugierde? Hatte das, was sie von Jesus gehört hatten, sie im Herzen berührt? Vielleicht war es schon etwas von dem, was Jesus dann ankündigte: Ich werde alle zu mir ziehen?
Die Nachricht, dass da auch Andersgläubige sind, die ihn sehen wollen, muss Jesus sehr bewegt haben. Er antwortet darauf mit einem einfachen Bild: Wenn das Weizenkorn nicht ausgesät, in die Erde versenkt wird, kann es nicht fruchtbar werden. Es muss sterben, um Leben zu spenden. Im Weizenkorn sieht Jesus seinen eigenen Weg. Er darf nicht am eigenen Leben hängen, er muss es loslassen und hergeben, damit es reiche Frucht bringt.
Das Leben loslassen heißt sterben. Das macht Angst. Es ist so menschlich, dass Jesus seine Angst zugibt. Er ist bis ins Innerste erschüttert. Er wünscht sich, dass Gott ihn vor dem schrecklichen Tod rettet, der ihm bevorsteht. Aber gleichzeitig weiß er, dass genau dieser schwere Weg der Sinn seines Lebens ist, und so sagt er Ja zu dem, was auf ihn zukommt.
Wenn ich ein Kreuz sehe, kommt mir oft dieses Wort Jesu in den Sinn: „Ich werde alle an mich ziehen.“ Ich weiß, um das Kreuz gibt es viele Diskussionen. Manche wollen alle Kreuze aus der Öffentlichkeit entfernen. Für mich ist das Kreuz das große Zeichen, dass Jesus keinen Menschen ausschließt, für alle offene Arme hat. Das ist die Botschaft vom Kreuz. Sie will allen ein Trost sein. Und eine Hilfe in schweren Stunden.