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Damals und heute

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 25. März 2018 (Mk 11,1-10)

24.03.2018
Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 25. März 2018 (Mk 11,1-10)
© kathbild.at/Rupprecht
Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 25. März 2018 (Mk 11,1-10)

Der Palmsonntag ist das Tor zur „Großen Woche“, der Beginn der Karwoche. Heute Vormittag werde ich bei der Dreifaltigkeitssäule am Graben die Palmzweige segnen. Das Evangelium vom Einzug Jesu in Jerusalem wird vorgelesen. Wie damals die Schar, die Jesus begleitet hat, mit ihm vom Ölberg herunter in die Stadt eingezogen ist, so werden auch wir gemeinsam vom Graben aus in den Stephansdom einziehen, um dort die Palmsonntagsmesse zu feiern.

 

Noch eine Ähnlichkeit zwischen damals und heute: Viele Leute gingen vor Jesus oder folgten ihm, als er auf einem jungen Esel reitend inmitten dieser Schar in die Stadt einzog. Sie riefen begeistert: „Hosanna! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn.“ Es waren damals viele tausende andere Menschen in Jerusalem, Einwohner und große Scharen von Pilgern zum Osterfest. Sie werden wohl etwas verwundert geschaut haben, als sie diese Leute um den auf seinem Reittier Sitzenden sahen, dem sie zujubelten. In der großen Masse der Pilger war es doch eine eher kleine Gruppe, die da begeistert Jesus umringte. Viele werden sich wohl gefragt haben, was da los ist.

 

Jedes Jahr bewegt mich eine ähnliche Frage. Wir singen und beten da gemeinsam bei der Segnung der Palmzweige, Kinder und Eltern, Ältere und Jüngere. Ich sehe aber auch die vielen Passanten, Einheimische und Touristen, die zufällig am Graben vorbeikommen und da die Zeremonie der Palmweihe erleben. Manche bleiben stehen, neugierig geworden, andere schauen flüchtig her und eilen weiter. Was denken sie sich? Was dachten sich damals die Passanten, die zufällig den Einzug Jesu erlebten?

 

Damals und heute! Das ist jedes Jahr für mich – und ich denke für viele Mitfeiernde – ein starker Eindruck. In der Karwoche erinnern wir uns an all das, was damals geschehen ist, angefangen mit dem freudigen Einzug in Jerusalem bis hin zur dunkelsten Stunde der Kreuzigung und schließlich zur Freude des Ostermorgens, zum leeren Grab und der Auferstehung Jesu. All das ist damals gewesen, aber es ist nicht einfach vergangen. Wir feiern es heute. Es ist gegenwärtig, lebendig, es geschieht jetzt. Denn Jesus gehört nicht nur der Vergangenheit. Er lebt und ist da, mitten unter den Menschen, wie damals.

 

Nie erlebe ich da so deutlich wie in dieser Woche, der Karwoche. Vergangenheit und Gegenwart gehen ineinander über. Ganz anschaulich wird uns durch die Berichte der Evangelien vor Augen gestellt, was damals in Jerusalem geschah. Aber gleichzeitig ahnen und spüren wir, dass dasselbe heute geschieht. Auch heute geht Christus seinen Leidensweg. Seinen Kreuzweg lebt er in den Vielen, die heute ihr Kreuz zu tragen haben. In den Verachteten, Verspotteten, den Gefolterten und Gegeißelten ist der leidende Christus gegenwärtig.

 

Die Karwoche ist eine große Schule des Mitgefühls. Angesichts des vielen Leides dieser Welt sind wir in Gefahr, unsere Herzen zu verhärten. Die Feier der Karwoche soll nicht nur eine schöne Zeremonie sein. Sie will das Leben verändern, die Herzen für die Notleidenden öffnen. Und sie will Hoffnung geben, dass nach allem Leid die Osterfreude kommt, damals wie heute.

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