Thomas will es genau wissen. Ob Jesus wirklich auferstanden ist, das kann er nur glauben, wenn er ihn selber berühren darf. Genauer: Er will seine Wunden sehen und angreifen. Er will auf Nummer sicher gehen. Die anderen Apostel behaupten, Jesus sei ihnen erschienen. Wer weiß, ob das nicht eine Einbildung ihrer traurigen und verängstigten Herzen war. Jesus ist tot, qualvoll am Kreuz gestorben. Dass Jesus jetzt plötzlich leben soll, das kann Thomas nicht begreifen.
Die Sprache gibt uns hier einen interessanten Hinweis. Wenn wir ausdrücklich wollen, dass wir etwas nicht verstehen, dann sagen wir: Ich kann es nicht begreifen. Verstehen hat etwas zu tun mit anfassen, angreifen, berühren. Wir verstehen nicht nur mit unserem Verstand, sondern auch mit unseren Sinnen. Wir wollen etwas selber hören und sehen, um es zu erfahren und zu erleben. „Ich habe es mit eigenen Ohren gehört, mit meinen eigenen Augen gesehen“: Das macht eine Zeugenaussage glaubwürdig. Wohl am stärksten wirkt der Tastsinn. Was wir selber angreifen, mit Händen greifen, mit unseren Fingern betasten, was wir hautnahe spüren können, das „be-greifen“ wir.
Wir lernen die Welt durch unsere Sinne kennen. Ein Baby ertastet sich die Welt. Es will alles angreifen. Und es braucht lebensnotwendig den Hautkontakt. Es muss berührt werden, und durch Berührung wächst es ins Leben hinein. Ein Leben lang sind wir auf Berührung angewiesen. Ein herzlicher Händedruck, eine liebevolle Umarmung können in Stunden der Trauer berühren und trösten. Einem Sterbenden die Hand halten ist wichtiger als viele Worte. „Fürchtet euch nicht vor der Zärtlichkeit“, sagt Papst Franziskus.
Zärtlich sind die Soldaten mit Jesus nicht umgegangen. Berührung kann auch alles andere sein als ein liebevoller Kontakt. Die Geißelhiebe, die Jesus blutig geschlagen haben, die Schläge ins Gesicht, angespuckt und mit spitzen Dornen verletzt, das waren Misshandlungen, nicht Berührungen. Das alles ist Thomas in Erinnerung. Er hat es nicht selber gesehen, wie sie Jesus gequält und gekreuzigt haben. Aber er weiß, was man seinem geliebten Meister angetan hat. Jetzt will er sicher sein: Wenn Jesus wirklich lebt, wie die anderen behaupten, dann will er seine Wunden sehen, mehr noch, er will sie mit seinen Fingern, seiner Hand angreifen können. Das wird ihm gewährt. Heute, eine Woche nach dem Ostertag, erscheint Jesus wieder den Seinen. Thomas darf die Nagelwunden an den Händen Jesu berühren. Mehr noch, er darf seine Hand in die große Seitenwunde Jesu legen, die nicht mehr blutet, aber immer noch da ist. Diese Berührung berührt Thomas bis ins Innerste. Er kann nur ergriffen sagen: „Mein Herr und mein Gott!“
Dieses schlichte, tiefe Bekenntnis soll auch uns berühren. Wir können Jesus nicht so betasten wie Thomas. Aber mit den Augen des Herzens, mit dem Tastsinn des Glaubens können wir ihn erspüren, berühren und von ihm berührt werden. Ganz begreifen werden wir ihn wohl erst, wenn wir ihn einmal schauen dürfen, drüben, im ewigen Leben.