Jetzt gehe ich zu dir! Wie schön, wenn jemand so von seinem Sterben sprechen kann! Der Tod verschont niemanden. Alle müssen wir durch diese enge Pforte. Aber ist der Tod wirklich ein Tor, das sich einmal öffnet, durch das wir hindurchgehen können? Oder ist das Sterben einfach das endgültige Aus? Eine Tür, die nirgendwo hinführt? Ein Tor, das sich auf nichts hin öffnet?
Jesus spricht von seinem bevorstehenden Tod. Er hält keinen Vortrag über das, was nach dem Tod sein könnte, sondern er betet. Er spricht zu Jemandem. Er nennt diesen „Vater“! Er nennt seinen kommenden Tod einen Weg, den er zu gehen beginnt: „Ich gehe jetzt zu dir.“ Sterben als Heimkehren. Die Tür des Todes öffnet sich – und wir sind zu Hause! Wie tröstlich ist es, den eigenen Tod so sehen zu können. Trotzdem hat Jesus auch die Todesangst gekannt. Er hat davon öfters gesprochen. In der Nacht vor seiner Gefangennahme hat Jesus eine Zeitlang tiefste Todesnot gelitten. Er wusste, was für schreckliche Todesqualen auf ihn warteten.
In dieser Nacht hat Jesus auch das Gebet gesprochen, aus dem das heutige Evangelium genommen ist. Es ist ein langes Gebet, das er da frei und offen vor seinen Freunden und Tischgenossen gesprochen hat, zum Abschluss des gemeinsamen Mahles, das wir „das letzte Abendmahl“ Jesu nennen. Es ist ein langes Dank- und Bittgebet, in dem Jesus seinem Herzen freien Lauf lässt. Deshalb gibt es uns so tiefen Einblick in das, was Jesus im Innersten bewegt.
Da ist zuerst sein völliges Vertrauen zu dem, den er einfach „Vater“ nennt. Er hat uns gesagt, dass wir vor Gott keine Angst haben sollen, weil er nicht ein himmlischer Tyrann, ein hinterhältiger Herrscher über uns Menschen ist, sondern „euer Vater im Himmel“. Nicht erst im Tod gehen wir zu ihm. Jetzt, jederzeit können wir zu ihm kommen. So vertrauensvoll wie Jesus zu seinem Vater spricht, so unkompliziert und einfach dürfen wir uns an Gott wenden, weil er auch unser Vater ist.
Was bewegt Jesus angesichts seines bevorstehenden Sterbens? Was bewegt eine Mutter, die an Krebs stirbt und ihre Familie zurücklassen muss? „Vater, bewahre sie …, damit sie eins sind wie wir.“ Jesus erbittet von seinem Vater das, was ihm das Wichtigste ist: dass die Seinen untereinander eins bleiben! Nach seinem Weggang können Streitigkeiten aufbrechen, Rivalitäten, Eitelkeiten, Machtkämpfe. So wie in Familien nach dem Tod der Eltern Erbstreitigkeiten die Einheit gefährden können. Deshalb betet Jesus vor allem darum, dass die Seinen „eins sind“ und eins bleiben.
Jesus weiß, dass er bald gehen wird. Zurück bleiben die Seinen. Sie sind weiterhin in der Welt, mit allen Mühen und Kämpfen des irdischen Lebens. Jesus kann und will sie ihnen nicht ersparen. Deshalb betet er: „Ich bitte dich nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst.“ So beten Eltern für ihre Kinder, die sie in die Selbständigkeit des Lebens entlassen. Sie können sie nicht mehr behüten, wie sie es getan haben, als die Kinder noch zu Hause waren. Aber sie beten für ihre Kinder, dass Gott sie vor dem Bösen bewahre. Es ist tröstlich, darauf vertrauen zu dürfen, dass da Einer ist, der so bei Gott für uns Menschen bittet.