Hundertfünfunddreißig Kilometer ist es etwa von Nazareth nach Jerusalem. Mit dem Bus oder im Auto keine große Entfernung. Ich bin sie schon öfters im Bus gefahren. Zu Fuß ein Weg von mehreren Tagen. Die Eltern Jesu gingen ihn mindestens einmal im Jahr, um Pessach, das jüdische Osterfest, in Jerusalem im Tempel zu feiern. Als Jesus zwölf Jahre alt geworden war, zog er mit ihnen hinauf nach Jerusalem. War er schon vorher, als er noch kleiner war, mit auf der beschwerlichen Wallfahrt? Wir wissen es nicht, dürfen es aber annehmen.
Mit zwölf Jahren war damals ein Kind an der Schwelle zum Erwachsen-Sein. Bei uns dauert die Jugend heute unvergleichlich viel länger. Und damit auch die Loslösung von zu Hause, das Selbständigwerden. In Jerusalem tat Jesus etwas Überraschendes, eigentlich sogar Anstößiges. Als das Osterfest vorbei ist und die Scharen an Pilgern sich wieder auf den Heimweg machen, bleibt Jesus in Jerusalem, ohne den Eltern ein Wort zu sagen. Er musste bemerkt haben, dass sie bereits mit den anderen Pilgern aufgebrochen waren. Er war alt genug, um zu wissen, dass sie sich Sorgen machen werden, wenn sie merken, dass er nicht mitgekommen ist. War das bei Jesus eine pubertäre Protesthandlung? Wollte er seine jugendliche Selbständigkeit austesten? War es einfach Neugierde und eine gewisse Abenteuerlust?
Ich kann mich ein wenig hineinfühlen in das, was Jesus damals tat, auch wenn ich mich nicht mit ihm vergleichen kann. Ich habe in diesem Alter ein starkes religiöses „Erwachen“ erlebt. Es zog mich hin zur Kirche, ich begann zu ministrieren, und ich fühlte mich wie zu Hause im „Gotteshaus“. So kann ich mir vorstellen, dass es Jesus innerlich hinzog, im Tempel zu sein und zu bleiben. Später wird er den Tempel „das Haus meines Vaters“ nennen. So sehr liebte er diesen Ort, dass er einmal in einem heftigen Zornesausbruch die Händler und Geldwechsler gewaltsam aus dem Tempel zu vertreiben versuchte, ohne nachhaltigen Erfolg. Bis in die letzten Tage seines Lebens hat Jesus den Tempel in Jerusalem leidenschaftlich geliebt. Hier wusste er sich an seinem richtigen Platz. Hier hat er oft und oft zu den Menschen von Gott gesprochen, den er einfach seinen Vater nannte.
„Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“ Diese überraschende Antwort gibt Jesus seinen Eltern, als sie ihn nach drei Tagen des angstvollen Suchens endlich finden – im Tempel, wo er mitten unter den Lehrern saß, ihnen zuhörte und Fragen stellte. Jesus war seinen Eltern gehorsam. Aber da gab es eine andere Stimme in ihm. Und die Stimme rief ihn, und sie zog ihn hin, hinein in den Tempel, ins Haus Gottes. Es war die Stimme seines Vaters. Sie wird sein ganzes Leben bestimmen. Mehr als seinen Eltern musste er dieser Stimme gehorchen. Für seine Eltern war es schwer, das zu verstehen und anzunehmen. Aber Maria, seine Mutter, hat dieses schmerzliche Erlebnis nie vergessen: Sie „bewahrte all die Worte in ihrem Herzen.“
Heute ist das Fest der Heiligen Familie. Daher wage ich es, zwei Bitten an die Familien zu richten. Die erste: Jedes Kind und jeder junge Mensch hat eine „religiöse Ader“. Sie kann sich entfalten oder verkümmern. Sie ist eine Kostbarkeit, die die Eltern nicht behindern dürfen. Sie braucht aber auch Selbständigkeit, die die Eltern respektieren sollen. Viele junge Menschen machen in der Pubertät eine „religiöse Pause“, gehen nicht mehr zur Kirche. Sie müssen ihren eigenen, persönlichen Weg mit Gott finden. Und Gott geht mit ihnen, darauf dürfen die Eltern vertrauen. Die zweite Bitte: dass Eltern oder Großeltern mit ihren Kindern oder Enkeln gelegentlich einfach so in die Kirche gehen, ins stille Gotteshaus. Früh sollen wir erleben: Hier ist das Haus unseres Vaters. Hier ist es gut sein.