Jedes Jahr bin ich vor Weihnachten in der Justizanstalt Josefstadt, im größten Gefängnis von Wien. Die Weihnachtsfeier mit den Häftlingen gehört für mich zu den Höhepunkten des Festes der Geburt Christi. Diesmal stand die Feier unter dem Motto „Dem Stern folgen“, also dem Thema des heutigen Festes: Die „Sterndeuter aus dem Osten“, volkstümlich „die heiligen drei Könige“, waren ja einem Stern gefolgt, den sie haben aufgehen sehen und der sie bis nach Bethlehem geleitet hat. Die Gefängnisseelsorger hatten mit Insassen ein beeindruckendes Programm vorbereitet, mit Liedern und selbstgeschriebenen Texten. Alles drehte sich um das Lebensthema: „Heb deinen Blick: Vielleicht entdeckst du DEINEN Stern? Weist er dir einen neuen Weg?“
Besonders beeindruckt hat mich das Zeugnis eines jungen Häftlings: „Warum habe ich Drogen geschmuggelt? Ich habe den Himmel gesucht, mich aber in die Hölle gebuddelt! Weshalb bin ich einbrechen gegangen? Warum habe ich dieses schwere Verbrechen begangen? Ständig bin ich am Grübeln. Geistig steige ich in den Ring mit all diesen Dingen. Der Weg ist das Ziel – hoffentlich werde ich ihn finden! Mein Kampf gegen mich selbst und die Frage, ob ich gewinne oder wieder verliere? Anscheinend lässt es sich leicht gar nicht leben, es bleibt derweil schwierig. Aufgeben geht nicht. So suche ich weiter begierig nach dem Pfad, der mich weist, herausreißt von dem Irrweg. In mir bist du der Stern, dem ich folge von fern über den Wolken. Führ mich nach Hause. Gott, mein Gewissen lässt mich mehr als ,nur’ glauben.“
Wird dieser junge Mann den Stern finden, der ihn auf den Weg nach Bethlehem führt? Ich glaube, er hat ihn schon gefunden. Seine ehrlichen Worte zeigen, dass der Stern ihm bereits den Weg zeigt. Sein Gewissen wurde ihm zum Leitstern. Es ist nicht „nur“ ein unbestimmter Glauben. Es gibt ihm Gewissheit über das, was ihn vom Irrweg „herausreißt“.
So wurde diese Weihnachtsfeier auch für mich eine Stunde der Besinnung über meinen eigenen Weg, über den Stern, der mich führt. Einzelne Worte dieser Feier möchte ich mir einprägen, sie auch weiterhin bedenken: „Sterne siehst du nur, wenn du das Dunkel wagst.“ Gerade wenn ich dunkle Stunden erlebe, kann es sein, dass mir ein Stern den Weg weist. „Lass das Alte los! Brich auf und folge deinem Stern! Vertraue! Er wird dich führen. Er kennt dein Ziel, er führt dich aus Angst und Dunkel.“
Alle diese Worte wurden von Häftlingen und für Häftlinge gesprochen. Mir wurde dabei so bewusst, dass sie auch für mich, für uns alle gelten, ob wir nun „drinnen“ oder „draußen“ sind, in Haft oder in Freiheit. Und sehr deutlich habe ich gespürt, dass es nicht einfach mein Verdienst ist, zu denen zu gehören, die „draußen“ sind und nicht zu den Insassen des Gefängnisses. Ich habe mich gefragt, welcher Stern mich geleitet hat, früh im Leben den Weg nach Bethlehem, zu Jesus, gefunden zu haben.
Noch ein Wort aus dieser Feier hat mich berührt: „Wer sich auf den Weg nach Bethlehem macht, wird erfahren, dass es viele kleine Schritte sind, die einen dem Ziel näherbringen.“ Staunend und dankbar kann ich im Rückblick sagen: Da ist Einer, der meine Schritte gelenkt hat, der mir geholfen hat, den Weg wieder zu finden, wenn ich von ihm abgekommen bin. Die Sterndeuter aus dem Osten wurden „von sehr großer Freude erfüllt“, als sie den Stern wieder sahen. Etwas von dieser Freude durften auch wir in dieser Weihnachtsfeier erleben.