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Die goldene Regel

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 24. Februar 2019 (Lk 6, 27-38)

23.02.2019
Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 24. Februar 2019 (Lk 6, 27-38)
© bilderbox.com
Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 24. Februar 2019 (Lk 6, 27-38)

In der letzten Zeit hat die Zahl der Morde erschreckend zugenommen. Fast jeden Tag wird von neuen Fällen berichtet. Erschossen, erstochen, erwürgt – es sieht fast schon nach einer Epidemie aus. Und die Täter sind nicht nur Ausländer, Zuwanderer oder Flüchtlinge. Es sind Eifersuchtsdramen, Beziehungskonflikte, Racheakte, Abrechnungen, lange aufgestaute Aggressionen, die sich plötzlich entladen. Wird das Klima in unserer Gesellschaft rauer? Werden die Sitten roher? Wächst bei vielen der Druck des Alltagslebens so sehr, dass es zu gewalttätigen Ausbrüchen kommt, die dann mit einem Mord enden?

 

Wer das heutige Evangelium liest, wird sich vielleicht fragen: Ist das die Welt, in der wir leben? Was Jesus da fordert, ist so anders als das, was wir täglich in den Medien hören, sehen und lesen. Ist Jesus ein Träumer? Sind seine Worte nicht völlig fern aller Wirklichkeit? Und doch: Was Jesus heute sagt, löst in mir eine große Sehnsucht aus, es weckt eine Hoffnung. Eigentlich wünsche ich mir, dass es unter uns so aussieht, wie Jesus es sagt, dass unser Zusammenleben wenigstens ein bisschen mehr von den Haltungen bestimmt wird, die Jesus beschreibt. Wie anders wäre unsere Welt, wenn es uns gelingen würde, so miteinander umzugehen, wie Jesus es uns ans Herz legt!

 

In der Mitte der Ratschläge Jesu steht ein ganz einfacher Satz, der uns allen eigentlich einleuchten müsste. „Wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut auch ihr ihnen.“ Man nennt das die „goldene Regel“. Würden wir sie tagtäglich anwenden, dann hätten wir wirklich andere Zustände. Das beginnt schon bei der ersten Regel, die Jesus nennt und die wohl die schwierigste von allen ist: „Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen.“ Das klingt nach völliger Überforderung! Wie soll man lieben, wenn einem nur Hass entgegenkommt? Und noch dazu denen Gutes tun, die uns Übles wollen? Da hilft die „goldene Regel“. Nehmen wir an: Ich bin mit jemandem zerstritten. Es geht gar nichts mehr zwischen uns. Was wäre mir lieber? Dass der andere mir mit wütendem Hass begegnet? Oder dass er mir trotz unseres Konfliktes Verständnis zeigt und mir die Hand reicht? Wer von uns wünscht sich, gehasst zu werden? Wer hat Freude daran, wenn ihm Böses angetan wird?

 

Der übliche Einwand gegen die „goldene Regel“ lautet: Wenn ich in einem Konflikt anfange, auf Hass und Streit zu verzichten, dann ziehe ich den Kürzeren, dann wird der andere mich übervorteilen. In jeder Auseinandersetzung geht es um die Frage: Wer wagt den ersten Schritt der Versöhnung? Jesu Lehre im heutigen Evangelium dreht sich ganz um diesen ersten Schritt: Du selber musst anfangen! Du willst, dass der andere dich gut behandelt? Dann fange selber damit an und tue ihm Gutes!

 

Jesus hilft uns, diesen oft so schweren ersten Schritt zu tun. Er gibt uns dafür einen guten Grund, ein starkes Motiv, warum wir mit der Versöhnung beginnen sollen: Gott selber macht den ersten Schritt auf uns zu, denn „er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen“.  Wie oft bin ich selber undankbar! Gott ist dennoch gut zu mir! Er ist barmherzig zu mir, obwohl ich oft unbarmherzig den anderen gegenüber bin. Deshalb: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

 

Wenn wir das beherzigen, dann werden wir auch nicht über andere richten und urteilen.  Dann werden wir einander die Schuld erlassen und vergeben. Das ist eigentlich alles sehr einsichtig. 

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