Es ist wohl das schönste, tiefste und trostreichste Gleichnis, das Jesus erzählt hat, das Gleichnis vom verlorenen Sohn, oder sollen wir besser sagen: das Gleichnis vom barmherzigen Vater? Oder noch anders: das Gleichnis von den beiden Söhnen, oder von den beiden Brüdern? Unzählige Male wurde es von Künstlern dargestellt.
Wem hat Jesus diese Geschichte vom Vater und seinen zwei Söhnen erzählt? Frommen Leuten, die sich darüber aufregen, dass er sich mit „Sündern“ abgibt und sogar mit ihnen isst. Mit unvergleichlicher Meisterschaft hat Jesus die „Sünder“ und die „Frommen“ in der Gestalt der beiden Brüder dargestellt. Die Botschaft des Gleichnisses gilt aber denen, die sich für besonders gut und fromm halten. Deshalb ist der ältere Bruder die Schlüsselfigur in diesem Gleichnis.
Wie die Pharisäer sich darüber empören, dass Jesus mit den Sündern isst, so regt sich der ältere Bruder darüber auf, dass der Vater dem jüngeren Bruder, der heimkehrt, ein großes Fest bereitet. Trotzig und wütend bleibt er vor dem Haus stehen und will nicht hineingehen. Der Vater kommt heraus und redet ihm gut zu. Der Sohn lässt seinen ganzen Frust und Zorn heraus. Er hat immer treu gedient und gearbeitet, während der Jüngere, „dein Sohn“, sein Erbteil vom Vermögen des Vaters „mit Dirnen durchgebracht hat“. Der Vater erinnert ihn, dass der Jüngere „dein Bruder“ ist. Kann er sich nicht darüber freuen, dass sein jüngerer Bruder, der tot war, wieder lebt? Auch wenn er sein Erbteil durchgebracht hat, er bleibt „dein Bruder“!
Der Ausgang dieser Geschichte bleibt offen. Wird der ältere Bruder seinen Zorn überwinden? Wird er doch hereinkommen? Oder bleibt er bitter und wütend vor dem Haus stehen? Wird er den jüngeren Bruder umarmen, wie es der Vater getan hat? Wird er schließlich doch in die Freude des Vaters einstimmen und mitfeiern?
Die Antwort gibt nicht Jesus. Wir müssen selber die Geschichte zu Ende erzählen. Denn wir alle kennen solche Situationen, in unseren Familien, im Freundeskreis, unter Arbeitskollegen. Sind wir bereit, auf den anderen zuzugehen? Ist unser Herz offen für Versöhnung, auch dort, wo wir zu Recht über den anderen verärgert, enttäuscht, zornig, wütend sind?
In der Gestalt des Vaters zeigt uns Jesus, wie Gott handelt. Gott freut sich über jeden, der heimkehrt, auch wenn er im Leben viel „Mist gebaut hat“. Schaffen wir es, barmherzig zu sein wie Gott? Auch wenn es uns echte Überwindung kostet? Die Freude der Versöhnung ist der Lohn für diesen gewiss oft schweren Schritt.