Manchmal merkt man deutlich, dass die Zeiten sich seit Jesus sehr gewandelt haben. Das heutige Evangelium spielt in einer Welt, die heute (zumindest bei uns) der Vergangenheit angehört. Es ist eine Gesellschaft, in der es Herren und Knechte gibt, die „Herrschaft“ und das „Gesinde“. Alle hatten ihren genauen Platz und Rang, und ganz selten nur gab es einen Platzwechsel, dass aus einem Knecht ein Herr wurde oder dass ein „Hochwohlgeborener“ zum Rang eines Knechtes absteigen musste.
So lange ist die Zeit nicht her, als auch bei uns diese Rangordnungen das Leben der Gesellschaft bestimmten. Am Land, bei den größeren Bauern, gab es wie selbstverständlich die Knechte und Mägde, und in den bürgerlichen und adeligen Häusern die „Dienstboten“. Die „Dienstbotenmadonna“ im Stephansdom erinnert durch ihren Namen daran, dass dort wohl viele Hausbedienstete ihren Kummer und ihre Sorgen bei Maria abgeladen haben, die sich ja selber als die „Magd“ des Herrn bezeichnet hatte.
Eine Welt von Herren und Knechten, von Herrinnen und Mägden ist auch der Hintergrund der Worte Jesu im heutigen Evangelium. Da gibt es den Hausherrn, der ausgegangen ist auf ein Fest, eine Hochzeit. Er hat seinen Knechten, den Dienern, nicht gesagt, wann er zurückkommt. Er erwartet selbstverständlich, dass sie warten und wachen, um ihm gleich das Tor zu öffnen, wenn er heimkommt. Daher der Rat Jesu: Eure Hüften sollen gegürtet sein, also: Bleibt in eurer Arbeitskleidung! Und: Eure Lampen sollen brennen, also: keine Pause, keine Nachtruhe, bis der Herr geruht, vom Fest heimzukehren. Das ist alles „normal“ in der Gesellschaftsordnung von früher.
Dann aber sagt Jesus etwas Unglaubliches, Unvorstellbares für damals (und für heute). Man könnte es die „Jesus-Revolution“ nennen. Wenn die Knechte, die Diener, „das Personal“ noch wachgeblieben sind, wenn der Herr sie also so vorfindet, wie es ihre Pflicht ist, dann wird er selber „sich gürten“, also Arbeitskleidung anziehen, „sie am Tisch Platz nehmen lassen und sie der Reihe nach bedienen“. Das ist die verkehrte Welt! Die Diener sitzen bei Tisch, und der Herr bedient sie höchstpersönlich! Er kommt spät abends nach Hause von einer Hochzeit, und statt sich bedienen zu lassen, übernimmt er selbst die niedrigsten Dienste seiner Knechte.
Was will Jesus damit sagen? Er hat es oft und deutlich ausgesprochen: „Wer unter euch der Erste sein will, der mache sich zum Diener aller.“ Und er hat hinzugefügt, er sei selber nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben für die Menschen. Noch deutlicher war das Zeichen, das er beim letzten gemeinsamen Mahl gesetzt hat, indem er wie ein Sklave, ein Hausknecht, seinen Jüngern die Füße gewaschen hat: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“
Eine große Frage bleibt mir im Hals stecken: Wenn Jesus das so klar gesagt hat, warum haben wir das so wenig umgesetzt? Immer noch gibt es alle Arten von Rangordnungen. Auch wenn unsere Welt viel demokratischer geworden ist, Herren und Knechte gibt es nach wie vor, auch wenn sie nicht mehr so genannt werden.
Vielleicht ist das unvermeidlich. Immer wird es Chefs und Untergebene geben. Die „Jesus-Revolution“ besteht nicht darin, dass niemand mehr Diener zu sein braucht. Im Gegenteil: Keiner war mehr „Chef“ als Jesus, der Sohn Gottes. Entscheidend ist, wie er „Chef“ war. Er war sich nicht zu gut, sich für uns alle zum Diener zu machen.