Vor drei Jahren durfte ich Gast der Koptischen Kirche in Ägypten sein. Papst Tawadros, das Oberhaupt der Kopten, hatte mich eingeladen. Eine Woche lang konnte ich Kirchen, Klöster, Einrichtungen dieser so bewundernswerten, uralten christlichen Kirche kennenlernen. Am meisten haben mich die Gläubigen selber beeindruckt. Seit 1375 Jahren ist Ägypten unter islamischer Herrschaft. Die Christen, einst die Mehrheit, sind seit langem eine immer wieder verfolgte und ständig benachteiligte Minderheit. Umso eindrucksvoller ist ihre starke Glaubenstreue, die Lebendigkeit ihrer Gemeinschaft, die besonders in den Wüstenklöstern erlebbar ist, den blühenden Zentren ihrer Kirche.
Man kann nicht das christliche Ägypten besuchen, ohne an vielen Orten auf die Spuren der Heiligen Familie zu stoßen. Dass Josef auf eine Weisung Gottes hin eiligst mit Maria und dem Kind nach Ägypten geflohen ist, lesen wir im heutigen Evangelium. Die Angst vor der mörderischen Wut des Herodes trieb die kleine Familie in die Flucht. Sie dürften nicht die einzigen Juden gewesen sein, die damals in der brutalen Tyrannei des Herodes nach Ägypten auswichen, wo es starke jüdische Gemeinden gab.
In meiner Studienzeit war es üblich, die Geschichte von der Flucht nach Ägypten als fromme Legende abzutun! Umso überraschter war ich, als ich im Lauf der Jahre in der Begegnung mit koptischen Christen, Priestern, Bischöfen feststellen musste, dass sie alle zutiefst überzeugt waren: Die Heilige Familie lebte als Flüchtlinge in Ägypten. Mehr noch: Die uralte Überlieferung konnte genau den Fluchtweg nachzeichnen und all die Stationen angeben, an denen die Heilige Familie sich eine Zeitlang aufhielt, ehe sie weiterzog.
Bei meinem Besuch in Ägypten wurden mir mehrere dieser Orte gezeigt, an denen bis heute das Verweilen der Heiligen Familie verehrt wird. Mir wurde bewusst, wie tief das Flüchtlingsschicksal der Heiligen Familie das Glaubensleben dieser tapferen Christen geprägt hat. Seither frage ich mich, ob und wie das bei uns, den Christen Europas, im Bewusstsein lebendig ist. Was bedeutet es für mein Verständnis von Christsein, dass Jesus, der Sohn Gottes, als Kind Marias geboren, schon kurz nach der Geburt das Schicksal eines Flüchtlings erlebte?
Weihnachten ist bei uns das Fest der Familien, des Schenkens, der Geborgenheit. Das heutige Evangelium erinnert uns an die schmerzliche Wirklichkeit, dass, während wir Weihnachten feiern, Millionen von Familien das Schicksal von Jesus, Maria und Josef erleben. Die koptischen Christen hängen so sehr an den Erinnerungen an die Flucht der Heiligen Familie, weil sie darin ihr eigenes Schicksal wiederfinden.
Noch etwas ist mir bei meinem Besuch in Ägypten bewusstgeworden. Nicht weniger als 23 Orte werden genannt und gezeigt, wo sich überall die Heilige Familie auf ihrer Flucht aufgehalten habe. Es ist ja nicht ungewöhnlich, dass Flüchtlinge von einem Quartier zum anderen weiterziehen müssen, ehe sie irgendwo eine neue Heimat finden. Bei uns als Flüchtlingsfamilie waren es etwa sieben Stationen.
Die koptischen Christen sehen in diesen vielen Aufenthalten einen tiefen Sinn für ihren Glauben. Sie sind stolz und dankbar, dass Jesus mit Maria und Josef zu ihnen gekommen ist. Die Heilige Flüchtlingsfamilie hat durch ihre Anwesenheit an so vielen Orten ihre Heimat Ägypten geheiligt. Besucht heute die Heilige Familie auch unsere Heimat durch so manche Flüchtlingsfamilien in unserer Mitte?