Kaum ein Evangelium ist so bekannt wie dieses. Jedes Jahr freue ich mich darauf, es selber in der kleinen Weihnachtsfeier meiner Hausgemeinschaft singen zu können: „Siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzenVolk zuteil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr.“ Die Botschaft des Engels an die Hirten auf dem Feld nahe Bethlehem hat als Herzstück: „Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt“.Diese Nacht hat einen besonderen Glanz. Er geht von der Krippe aus, von dem Kind, das da in einem Futtertrog sein Notquartier gefunden hat.
Denn dieses Kind ist „Christus, der Herr“. So bezeichnet ihn der Engel. Der Herr, also Gott selber ist in diesem Kind zur Welt gekommen. Gott ist Mensch geworden, ein Menschenkind, einer von uns, einer mitten unter uns. Das ist das Geheimnis dieser Nacht. Von daher kommt die Freude, die mich jedes Mal neu erfasst, wenn das Weihnachtsevangelium gelesen oder gesungen wird. Das kleine, arme Kind – der Herr? Der Herr war damals Kaiser Augustus. Er wurde verehrt wie ein Gott. Und tatsächlich gab es keinen mächtigeren Mann als ihn, den siegreichen Herrscher über das Imperium Romanum, zu dem als eine der vielen Provinzen auch Syrien gehörte, von der Judäa ein kleiner Teil war, und Bethlehem darin ein unbedeutendes Dorf.
Wer in diesem gewaltigen Reich das Sagen hatte, macht der Evangelist Lukas gleich zu Beginn deutlich: Kaiser Augustus erließ den Befehl, „den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen“. Zu diesem Befehl hatte der Kaiser die Macht, und alle, ausnahmslos, hatten ihm zu gehorchen, auch Josef aus Nazareth, ein Zimmermann, aber immerhin ein Nachkomme Davids, des größten jüdischen Königs. Samt seiner hochschwangeren Frau musste er in die Heimatstadt seines Ahnen gehen.Augustus war nach langen Jahren des Bürgerkriegs im römischen Reich zum Alleinherrscher aufgestiegen, zum Cäsar, zum Kaiser. Seither herrschte im Reich Frieden. Doch war diese pax romana, dieser römische Frieden, von der gewaltsamen Herrschaft über alle Völker des Reiches getragen.
Des Kaisers Herrschaft ging mit dem Untergang des römischen Reiches zu Ende. Das neugeborene Kind in der Krippe sollte ein anderes Reich gründen, das nicht auf weltlicher Macht aufbaut, sondern auf der Kraft der Frohbotschaft. Nicht die Eroberung von Ländern, sondern die Änderung der Herzen war das Ziel Christi. Sie sollte den Frieden auf Erden bringen. Weihnachten lebt von dieser Hoffnungauf einen Frieden, den kein Kaiser schaffen kann, sondern nur das Kind in der Krippe.