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Am Anfang stand eine Übersiedlung

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 26. Jänner 2020 (Mt 4, 12-23)

25.01.2020
Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 26. Jänner 2020 (Mt 4, 12-23)
© bilderbox.com
Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 26. Jänner 2020 (Mt 4, 12-23)

Jesus war damals dreißig Jahre alt. Bisher hatte er ein verborgenes Leben geführt. Zwar gab es um seine Geburt in Bethlehem einige besondere Ereignisse, die sogar die Aufmerksamkeit, ja die Angst des mächtigen Herodes des Großen erweckten. Die kleine Familie musste deshalb nach Ägypten flüchten, bis Herodes gestorben war. Doch dann wuchs Jesus in Nazareth heran, einem eher unbedeutenden Ort in Galiläa. Er lernte den Beruf seines Vaters Josef und übte ihn viele Jahre aus, auch nach dessen Tod. Niemandem in seiner Verwandtschaft und unter seinen Landsleuten fiel etwas Besonderes an ihm auf. Nur seine Mutter und sein Ziehvater wussten von seiner wahren Herkunft, aber offensichtlich schwiegen sie darüber.

So vergingen die Jahre, und wären sie so weitergegangen, dann wüssten heute niemand mehr etwas über Jesus von Nazareth. Aber als Jesus etwa dreißig Jahre alt war - für damalige Verhältnisse ein Mann in reifem Alter - geschah etwas, was am Anfang einer Geschichte steht, die zum Entstehen der größten Religionsgemeinschaft der Welt führte, zur Geburt des Christentums.

 

Alles beginnt mit einer einfachen Übersiedlung: Jesus "verließ Nazareth, um in Kapharnaum zu wohnen, das am See liegt". Jesus wird nicht viel zum Übersiedeln gehabt haben, ein paar bescheidene Habseligkeiten. Aber die Tragweite dieser Ortsveränderung beschreibt der Evangelist Matthäus mit starken Worten: "Das Volk, das im Dunkeln saß, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen."

 

Im Rückblick sieht Matthäus, was dieser Anfang in Kapharnaum für die Menschen bedeutete. Aber vorerst beginnt es damit, dass Jesus zu predigen anfing. Wie und wo er das zum ersten Mal tat, wissen wir nicht. Matthäus gibt nur eine knappe Kurzfassung von dem, was Jesus den Leuten sagte. Seine Botschaft hat zwei wesentliche Inhalte: "Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe." Kern seiner Rede zu denen, die ihm zuhörten, ist das "Himmelreich". Matthäus, der für Juden schreibt, vermeidet es mit diesem Wort, den Namen Gottes in den Mund zu nehmen, der für Juden nicht ausgesprochen werden darf. Die anderen Evangelisten, die sich an ehemals heidnische Hörer wenden, sprechen direkter vom "Reich Gottes".

 

Das Reich Gottes ist nahe! Das ist Jesu erste und wichtigste Botschaft. Gottes Reich, das heißt, Gottes Herrschaft. Gott ist immer der Herr, alles ist in seiner Hand. Aber jetzt soll das offenkundig werde, spürbar, greifbar. Gott kommt uns nahe. Und das wird sich von jetzt an in Jesus zeigen, denn Jesus wird immer mehr als der sichtbar werden, in dem Gott uns unfassbar nahe kommt. Jesus wird sich als der Sohn Gottes erweisen.

 

Wenn Gott so nahe kommt, dann ist die Folge davon, dass auch wir ihm nahe kommen können. Deshalb ist der zweite Kern der Botschaft Jesu die Einladung: Kehrt um! Kommt zu Gott zu zurück! Und alles Weitere in Jesu Wirken wird eine große Ermutigung sein, Gott zu vertrauen, weil er uns durch Jesus unvorstellbar nahe ist. All das begann mit einer einfachen Übersiedlung Jesu.

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