Dort, auf Golgota, der sogenannten Schädelstätte (wohl weil dieser Hügel wie ein kahler Schädel aussah), dort kreuzigten sie ihn. Mit diesen knappen Worten berichtet Johannes, der selber als Augenzeuge dabei war, das Geschehen. Er schildert keine Einzelheiten von diesem brutalen, grausamen Vorgang. Er sagt nichts über die Gefühle, die er dabei hatte, auch nichts über das, was Maria, die Mutter Jesu, wohl empfunden haben muss, als sie zusehen musste, wie ihr Sohn an die Holzbalken genagelt wurde und wie das Kreuz dann aufgerichtet wurde und Jesus daran hing, mit dem ganzen Körpergewicht. Kein Wort auch darüber, wie es Jesus selber dabei ging.
Vor großem Leid sind viele Worte fehl am Platz. Vor dem Kreuz ist eher das Schweigen angebracht. Wenn wir Menschen begegnen, die ein schweres Kreuz zu tragen haben, sollten wir sie nicht mit frommen Sprüchen zu trösten suchen. Dasein, zuhören, miteinander schweigen, das zeigt mehr Mitgefühl als es Worte ausdrücken könnten.
Deshalb ist der Karfreitag ein stiller Tag. Heuer ganz besonders. Denn für viele ist in diesen Tagen das Kreuz besonders spürbar: die Kranken, die Ärzte, das Pflegepersonal, die Einsamen, die um ihren Arbeitsplatz Besorgten.
Still ist es in unseren Straßen, still ist der strahlend blaue Himmel, den keine Flugzeuge durchqueren. In stummer Sorge schauen wir in die Zukunft. Wir spüren deutlich: Es wird nicht wieder so werden, wie es vor Corona war. Wir haben geglaubt, dass unsere gewohnte Welt einfach so weitergehen wird. Sicher gab es warnende Stimmen, dass unsere hochtechnisierte Welt krisenanfällig ist. Aber als die Krise dann plötzlich da war, als sie die ganze Welt erfasste, da war es doch für uns alle ein Schock.
Den Karfreitag im Stephansdom zu feiern ist für mich jedes Jahr ein dichtes, ergreifendes Erlebnis, besonders wenn ich das Kreuz enthüllen darf mit dem dreimaligen Ruf: „Seht das Holz des Kreuzes, an dem das Heil der Welt gehangen.“ Heuer wird der Dom fast menschenleer sein. Aber viele werden über das Fernsehen daran teilnehmen. Und ich hoffe, viele werden dabei spüren, was mich bei dieser Feier immer neu bewegt: So drückend das Kreuz auch ist, das jeder persönlich zu tragen hat, der Blick auf das Kreuz Jesu Christi schenkt Trost und Frieden. Ich kann es nicht erklären. Ich weiß aber, dass viele diese Erfahrung machen. Gerade in diesen Tagen tut das gut.