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Vom Segen guter Hirten

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 3. Mai 2020 (Joh 10,1-10)

02.05.2020
Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 3. Mai 2020 (Joh 10,1-10)
© pixabay
Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 3. Mai 2020 (Joh 10,1-10)

Heute ist der Sonntag des Guten Hirten. Überall auf der Welt wird heute für gute Hirten gebetet. Meist wird dabei an Hirten für die Gemeinden, die Kirche, gedacht. Wir sollen um gute Priester beten. Dass eine Gemeinde gesegnet ist, wenn sie einen guten Hirten hat, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Der Pfarrer meiner Heimatgemeinde Schruns, Theodor Hausteiner, war wirklich für uns alle, auch für mich als Jugendlichen, ein Hirte nach dem Herzen Jesu. Als er ganz plötzlich mit 56 Jahren an Herzversagen starb, war die Trauer von Jung bis Alt riesengroß. Er war ein Mensch, durch den wir alle spüren konnten: Jesus ist der gute Hirte, und unser Pfarrer Hausteiner verkörpert das, macht es für uns anschaulich und spürbar. 

 

Jesus selber hat dieses Bild verwendet. Und es hat sich so in die Erinnerung der Christenheit eingeprägt, dass es bis heute lebendig geblieben ist, auch wenn viele nicht mehr die Erfahrung von Schafställen, Schafherden und deren Hirten haben. Für die Umwelt Jesu war es ein seit Jahrhunderten vertrautes Bild. Die Propheten haben es gebraucht, um ihre oft harte Kritik an den Zuständen ihrer Zeit zur Sprache zu bringen. So sagte schon der Prophet Jeremia, sechshundert Jahre vor Christus: „Wehe den Hirten, die die Schafe meiner Weide zugrunde richten und zerstreuen.“ Und er verheißt, dass Gott selber sich um seine Herde kümmern werde: „Ich werde für sie Hirten erwecken, die sie weiden, und sie werden sich nicht mehr fürchten und ängstigen und nicht mehr verloren gehen.“ 

 

Gute Hirten sind ein Segen. Das gilt nicht nur für die Kirche. Es geht um alle, die in irgendeiner Form Leitung ausüben. Deshalb betrifft Jesu Rede über die Hirten uns alle. Jesus erzählt ein Gleichnis, „aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte“. Versuchen wir es zu verstehen, auch wenn uns die Welt der Hirten und Herden fremd ist. 

 

Jesus spricht von zwei Menschentypen: den Dieben und den Hirten. Der Hirte kommt durch die Stalltüre zu seinen Schafen, „und die Schafe hören auf seine Stimme“. Der Hirte kennt jedes seiner Schafe und ruft es beim Namen. Das erinnert mich an meine Jugend. Unser Nachbarbauer rief seine Kühe immer bei ihrem Namen, und sie hörten auf ihn. 

 

Der Dieb und Räuber hat kein Interesse an den Schafen. „Er kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten.“ Der Sinn dieses Gleichnisses ist klar Jesus spricht jeden von uns an und stellt uns die große, ernste Frage: Suchst du nur dein eigenes Interesse oder geht es dir um die anderen? Wie sehen unsere Beziehungen aus? Geht es mir um das, was ich davon habe, oder bin ich wirklich am anderen interessiert? 

 

Von den Schafen sagt Jesus: Sie kennen die Stimme des Hirten. Ich glaube, wir haben meistens (leider nicht immer!) ein gutes Gespür dafür, ob jemand uns mit Propagandatricks einfangen will, mit falschen Versprechungen, mit unehrlichem Lob. Jesus will uns helfen, zwischen ehrlich und verlogen zu unterscheiden: „Ich bin die Tür zu den Schafen!“ Wer mit der Haltung und dem Herzen Jesu zu leben versucht, der wird nicht andere für sich selber missbrauchen, der wird ein guter Hirte werden. Solche Menschen brauchen wir, in allen Lebensbereichen! 

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