Niemand kommt um sie herum: Die Frage, warum es das Leid und den Tod gibt. Das Leben selbst stellt uns vor diese Frage. Und keine schnelle, glatte Antwort kann uns beruhigen. Das Leid ist der ständig neue Anstoß, das Ärgernis, das unlösbare Rätsel. Und der unausweichliche Tod macht das Rätsel noch unlösbarer. Weil es auf diese Urfrage des Lebens keine einfache, billige Antwort gibt, wird sie meistens verdrängt. Wir schauen weg, verschweigen Leid und Tod, und wenn sie sich dann doch in unser Leben hereindrängen, stehen wir hilflos da.
Jesus hat darüber nicht geschwiegen. Er spricht Leid und Tod direkt an. Er nennt sie beim Namen. Das hat etwas Befreiendes, bis heute. Denn nur die Wahrheit macht frei, auch wenn sie schmerzlich ist. Letzten Sonntag war von einem besonders glücklichen Moment die Rede. Auf die Frage Jesu, für wen ihn seine Jünger halten, hat Petrus die starke Antwort gegeben: "Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes." Jesus hat darauf Petrus ein Wort gesagt, das voller Hoffnung war: "Du bist Petrus - der Fels - und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen." Und Jesus hat dieses Wort mit einer besonderen Zukunftsgarantie abgesichert: Die Pforten der Unterwelt, also des Todes, werden diese meine Kirche nie und nimmer überwältigen.
Hat Jesus damit eine Art Generalversicherung gegen Leid und Tod für die von ihm gegründete Gemeinschaft, Kirche genannt, ausgestellt? Kann es überhaupt eine solche Garantie geben? Das heutige Evangelium spricht eine andere Sprache. Jesus selber werden Leid und Tod nicht erspart bleiben. Er muss vieles erleiden und getötet werden. Und doch werde alles gut ausgehen. Das Leben werde siegen!
Petrus reagiert ganz menschlich. So sprechen wir meist, wenn jemandem großes Leid bevorsteht: "Das soll Gott verhüten! Das darf nicht mir dir geschehen!" Er hat es sicher mit Jesus gut gemeint. Wer wünscht schon einem anderen Leid und Tod, vor allem, wenn es sich um einen geliebten Menschen handelt. Umso überraschender ist die äußerst scharfe Reaktion Jesu: "Hinter mich, du Satan! Ein Ärgernis bist du mir!" Satan ist der große Versucher. Jesus sieht in der menschlich so sympathischen Sorge des Petrus, dass doch sein geliebter Meister nicht leiden möge, eine teuflische Versuchung. Wer kennt sich da noch aus? Dürfen wir nicht von Herzen einander wünschen, dass dem anderen Leid erspart bleibt? Hat Jesus nicht selber ausdrücklich gelehrt, dass wir den Leidenden helfen, die Kranken heilen, die Heimatlosen aufnehmen sollen? Im Umfeld des Christentums hat sich die Sorge um die Kranken, die Hilfe für alle Notleidenden entwickelt. So entstanden die Caritas und das Rote Kreuz und viele humanitäre Hilfsorganisationen.
Aber vielleicht ist das gar kein Widerspruch. Denn Jesus hat eines ganz klar gelehrt: Wer sein Jünger, seine Jüngerin sein will, der darf die Augen nicht vor dem Leid verschließen. Das heißt zuerst: Nimm dein Kreuz auf dich und folge Jesus nach, der sein Kreuz angenommen hat! Nur wer das eigene Kreuz zu tragen bereit ist, wird auch Verständnis haben für die, die ein schweres Kreuz erleiden. Wer nur sein Wohlergehen verteidigt, nur auf sich selber schaut, wird blind für das Leid der anderen, schlimmer noch, fügt anderen Leid zu nur um selber nicht Leid ertragen zu müssen. Petrus ist schließlich Jesus bis ins Martyrium nachgefolgt. Die Leidverweigerung ist die große Versuchung. Denn sie macht uns zu hartherzigen Egoisten. Und das ist das Schlimmste, was mit einem Menschen geschehen kann.