Weinlese! Auch bei uns beginnt sie in diesen Tagen. Erntehelfer werden gebraucht, denn die Traubenernte kann nicht warten. Gerade zur rechten Zeit des Jahres hören wir das Gleichnis Jesu von der Weinlese. Es spiegelt Arbeitsverhältnisse wider, die damals herrschten und hoffentlich bei uns nicht wiederkehren, denn es gab sie auch in unseren Landen. Ein Großgrundbesitzer heuert für seine Weinlese Taglöhner an, also Menschen, die keinen fixen Arbeitsplatz haben und von der Hand in den Mund leben. Sozialversicherung, Arbeitslosengeld, alle diese großen sozialen Errungenschaften gab es damals nicht. Sie fehlen auch heute in vielen Ländern. Wer genauer hinschaut, entdeckt, dass es auch bei uns Taglöhner gibt, die an gewissen Straßen der Stadt stehen und warten, ob jemand sie für einen Tagesjob (schwarz) anheuert.
Der Gutsbesitzer geht also frühmorgens, bei Sonnenaufgang, auf den Marktplatz. Da stehen schon viele Männer und hoffen auf eine Tagesarbeit. Einige haben Glück, sie werden engagiert für den üblichen Tageslohn, einen Denar. Gearbeitet wird bis 18 Uhr, also zwölf Stunden. Offensichtlich braucht der Gutsherr doch noch mehr Arbeitskräfte. Viermal kommt er wieder auf den Marktplatz, um 9 Uhr, um 12 Uhr, um 15 Uhr und sogar um 17 Uhr, eine Stunde vor Arbeitsschluss.
Erschütternd ist die Antwort der Männer, die den ganzen Tag vergeblich auf Arbeit gewartet haben: „Niemand hat uns angeworben.“ Kein soziales Netz, keine Mindestsicherung schützt diese Männer und ihre Familien vor dem unvermeidlichen Hunger, wenn sie am Abend mit leeren Händen heimkommen. In Coronazeiten ist das das Schicksal tausender Taglöhner etwa in Indien oder in Lateinamerika.
Am Abend des langen Arbeitstages wird der Lohn ausgezahlt. Alle erhalten einen vollen Tageslohn. Sofort regen sich Neid und Eifersucht. Warum bekommen die, die kaum eine Stunde gearbeitet haben, gleich viel wie wir, die wir volle zwölf Stunden in der Hitze des Tages geschuftet haben? Die Kritik ist auch heute zu hören. Dann fällt schnell das Wort von den Sozialschmarotzern. Der Gutsherr sieht das anders: Stört es dich, dass ich auch zu denen gut bin, die nicht das Glück hatten, eine Arbeit zu finden? Genau aus dieser Haltung Jesu sind viele Errungenschaften des Sozialstaats entstanden. Heute erleben wir, wie gut es ist, dass der Verlust des Arbeitsplatzes nicht sofort den Absturz in die Bettelarmut bedeutet, weil es das Arbeitslosengeld gibt. Krankheit heißt nicht sofortiger Verlust aller sozialen Absicherung, weil es die Krankenversicherung gibt. Das Gleichnis Jesu ist eine Charta der Solidarität. Auch die Letzten sollen nicht leer ausgehen. Denn vergessen wir nie: Sehr schnell kann auch ich abstürzen und zu den Letzten gehören. Gerade in unserer unsicher gewordenen Zeit ist der soziale Zusammenhalt wichtiger denn je. Hüten wir uns vor denen, die heute diese sozialen Errungenschaften lächerlich machen und einen erbarmungslosen Konkurrenzkampf propagieren.
Das Gleichnis Jesu ist kein romantischer Sozialtraum, sondern ein nüchternes Programm für eine gerechte Gesellschaft, in der die Schwächsten nicht unter die Räder kommen. Jesu Worte haben wirklich die Welt verändert. Sie haben gezeigt, wie Gott die Welt vermenschlichen will. Die Charta Jesu bleibt freilich weiterhin Auftrag und Aufgabe.