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Kann Liebe ein Gebot sein?

Gedanken zum Evangelium, von Kardinal Christoph Schönborn, am Sonntag, 25. Oktober 2020 (Matthäus 22,34-40).

25.10.2020
© kathbild.at / Franz Josef Rupprecht

Das Leben ist kompliziert. Die Corona-Zeit zeigt es wieder einmal überdeutlich. Sie macht den Alltag mühsamer, als wäre er nicht schon mühsam genug. Und sie macht die Zukunft noch unsicherer, als sie es eh schon ist. Daher die Suche nach einfachen Antworten, praktischen Lebensregeln. Wie soll es weitergehen? Woran kann man sich orientieren? Was gibt Halt und Sicherheit?

 

Diese Fragen sind nicht neu. Sie haben wohl schon immer uns Menschen bewegt. Im Unterschied zu Pflanzen und Tieren, die von ihren sicheren Instinkten geleitet sind, brauchen wir Menschen Regeln und Hilfen, um uns im Leben zurecht zu finden. Wir müssen Entscheidungen treffen, können Fehler machen, brauchen Wegweisungen. Gott hat uns ein wunderbares, aber auch äußerst schwieriges Geschenk mit auf den Weg gegeben: die Freiheit! Sie ist Segen und Last zugleich. Sie zeichnet uns aus vor allen Lebewesen, und sie gefährdet uns mehr als alle anderen. Sie kann schrecklich missbraucht werden und ist doch die große Gabe, die uns zur wahren Menschlichkeit fähig macht. Welchen Weg wir wählen, das müssen wir selber entscheiden.

 

„Meister, welches Gebot ist im Gesetz das wichtigste?“ Die Frage des Pharisäers im heutigen Evangelium ist zwar als Falle gedacht, um Jesus kritisieren zu können. Dahinter steht dennoch ein echtes Anliegen. In der Bibel gibt es so viele Gebote, Regeln, Vorschriften. Sind sie alle gleich wichtig? Gibt es nicht ein paar Grundregeln, die einfach und klar sind? Und tatsächlich gibt Jesus eine knappe, klare und einfache Antwort: Gott aus ganzem Herzen lieben, das ist die erste und oberste Wegweisung. Und die zweite ist ebenso wichtig: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Alles andere „hängt an diesen beiden geboten“, sagt Jesus.

 

Die Liebe ist die Antwort. „Liebe, und dann tue was du willst“, hat der große heilige Augustinus gesagt. Wer liebt, tut immer das Richtige. Was gegen die Liebe verstößt, kann nicht gut sein. Das Leben mag noch so kompliziert sein, wo die Liebe herrscht, da wird alles einfach, da lebt es sich gut. Die Gegenprobe ist leicht gemacht: Nimm aus dem Leben die Liebe weg, und alles wird zur Last, ja zur Qual. Das gilt für die Ehe, für die Arbeit, für jede Form des Zusammenlebens. Wenn die Liebe das Leben erst lebenswert macht, warum fehlt sie dann so oft?

 

Eine erste Erklärung gibt Jesus selber: Er nennt die Liebe das erste, oberste Gebot. Kann man denn Liebe gebieten? Ist sie nicht ein Gefühl, das wir gar nicht kontrollieren können? Und wenn dieses Gefühl nachlässt, gar verloren geht, kann man es nicht auf Befehl wieder zurückholen. Und doch wissen wir genau: Liebe ist mehr als das kribbelnde Gefühl, das kommt und geht. Mir hilft da das Wort, das auf Italienisch gerne für Liebe gebraucht wird: „Ti voglio bene“, was wörtlich heißt: „Ich will dir gut!“ Liebe hat mit dem Willen zu tun, auch wenn sie vom Gefühl begleitet ist. Liebe kann auch mit „Wohlwollen“ übersetzt werden. Sie ist nicht zuerst das erotische oder sexuelle Begehren, sondern das Bejahen des anderen.

 

Und da dies nicht ein für allemal gelingt, ist die Liebe immer ein Weg. Sie wird halten, wenn sie wächst. Den Anderen annehmen, ihm Gutes erweisen, das geht nur, wenn ich mich selber annehme. Und das gelingt (allmählich, immer wieder), wenn ich darauf vertraue, dass Gott mich ganz angenommen hat, weil er mich liebt, mir Gutes will. Nichts ersehnen wir mehr als angenommen zu sein. Alle wollen wir geliebt sein. Genau das sollen wir, so gut es geht, den Anderen erweisen. Deshalb ist die Liebe das größte Gebot.

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