Es war schon einigermaßen überraschend, als Michael Häupl seine Abschiedsrede vor der Wiener Stadtregierung mit einem Gebet beschloss. Den Text hatte, so erklärte er, sein Vorvorgänger Leopold Gratz ihm zu seinem Amtsantritt gegeben. Es ist ein sehr humorvolles Gebet, das übrigens auch ein Lieblingsgebet meines Vorvorgängers war.
Kardinal Franz König betete es häufig, aus gutem Grund, denn es ist das Gebet einer alten Nonne, die Gott vor allem darum bittet, die Fehler des Alters zu vermeiden. Und da ich selber von Tag zu Tag älter werde, ist auch mir dieses liebevoll-ironische Gebet kostbar geworden. Bürgermeister Häupl las also aus diesem Gebet vor, das mit folgenden Worten endet: „Erhalte mich so liebenswert wie möglich. Ich möchte kein Heiliger sein … aber ein Griesgram ist das Krönungswerk des Teufels.“ Und mit einem „Auf Wiedersehen“ verabschiedete sich Häupl nach fast 24 Jahren Bürgermeister von Wien.
Ich möchte kein Heiliger sein, aber auch kein Griesgram! Irgendwie zeigt dieses humorvolle Gebet eine Spannung an, die zum heutigen Fest Allerheiligen gehört. Wir feiern heute alle Heiligen, spüren aber deutlich, dass wir alle keine Heiligen sind. Und doch ist es das eigentliche Ziel des Lebens, ein Heiliger zu werden, das heißt mit anderen Worten: in den Himmel zu kommen.
Mir hilft da ein Blick auf den 2. November. Gleich nach Allerheiligen feiert die Kirche Allerseelen. Sie gedenkt aller Verstorbenen, ausnahmslos. Sicher sind alle unsere lieben Verstorbenen nicht automatisch Kandidaten für den Heiligenkalender. Beim Begräbnis werden meist die guten Seiten hervorgehoben, obwohl wir wissen, dass es auch Schwächen und Fehler gegeben hat. Es ist tröstlich, dass wir für die Verstorbenen beten können, im Vertrauen, dass „drüben“ noch manches „nachgebessert“ werden kann, was hier unversöhnt geblieben ist.
Besser ist es dennoch, wenn wir unsere Fehler und Schwächen schon in diesem Leben „abfedern“ können. „Erhalte mich so liebenswert wie möglich“, heißt es im Gebet der alten Nonne.
Genau das ist der Weg zur Heiligkeit. Und der sollte nicht erst am Ende des Lebens beginnen. Ein berührendes Beispiel dafür ist der mit 15 Jahren 2006 an Leukämie verstorbene Carlo Acutis. Er wurde am 10. Oktober in Assisi seliggesprochen. Carlo war ein Internet-Fan. Schon mit 10 Jahren konnte er programmieren. Zugleich lebte er eine tiefe, echte Frömmigkeit und ein starkes soziales Engagement. Untypisch für einen Jugendlichen? Liebenswert war und ist Carlo auf jeden Fall, und in Italien schon höchst populär.
Die Charta für den Weg zur Heiligkeit wird jedes Jahr an Allerheiligen vorgelesen. Es sind die „Seligpreisungen“ Jesu. Niemand hat sie besser vorgelebt als er selber. Und sein Weg zeigt, dass sie nicht nur auf Zustimmung stoßen. Aber wo sie wirklich gelebt werden, da wird das Leben glaubwürdig. Arm sein vor Gott ist die Haltung derer, die um ihre eigene Armseligkeit wissen. Mit den Trauernden trauern macht uns menschlich. Sanftmütig und barmherzig sein ist nicht ein Zeichen von Schwäche, sondern von innerer Freiheit.
Frieden stiften kann nur, wer in sich selber Frieden trägt. Ein reines Herz ist ungeteilt, ehrlich, lauter. Verfolgung ertragen ist schwer, aber besser als Unrecht zu tun. Schön, dass es Menschen gibt, die diese Charta vorleben. Wir nennen sie zu Recht Heilige.