Wer kennt nicht das gewaltige Fresko von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan! Christus als Weltenrichter, zu seiner Rechten die Geretteten, zu seiner Linken die Verdammten. Zweimal durfte ich, bei der Papstwahl von 2005 und 2013, im Blick auf dieses riesige Gemälde meine Stimme abgeben. Soll die Erinnerung an das Weltgericht, das alle Menschen erwartet, Angst und Schrecken verbreiten? Hat Jesus wirklich mit der Hölle gedroht? Ist die Sache so ernst, dass uns ewige Freude oder ewiges Feuer erwarten?
Das Thema Weltgericht durchzieht alle Jahrhunderte. In der Kunst, in der Literatur wird es seit eh und je behandelt. Jedes Jahr zieht der „Jedermann“ in Salzburg Scharen von Menschen an. In diesem „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ geht es um die letzte Rechenschaft, die der Menschen vor Gott über sein Leben abgeben muss. Ob es uns passt oder nicht, die Frage des Gerichts bewegt im Tiefsten jedes Menschenherz: Was werde ich im Angesicht Gottes vorbringen können, wenn meine Lebensbilanz gezogen wird?
Jesu Rede vom Jüngsten Gericht ist tief ernst, wie das Leben selbst. Denn insgeheim wissen wir, dass das Leben gelingen oder misslingen, gut oder schlecht ausgehen kann, und dass sich das nicht erst am Ende entscheidet, sondern hier und jetzt.
Doch nun das Erstaunliche an der Rede Jesu: Gelingen oder Scheitern, Himmel oder Hölle entscheiden sich an einer einzigen Frage: Wie hast du dich den notleidenden Nächsten gegenüber verhalten, den Hungernden und Heimatlosen, den Fremden, Kranken und Gefangenen? Es wird nicht gefragt, ob du fromm warst, wieviel du gebetet hast, wie oft du in die Kirche gegangen bist. Nur die tätige Liebe zählt.
Noch erstaunlicher ist aber die Begründung, die Jesus dafür gibt: „Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben.“ Ich war durstig, fremd, nackt, krank und gefangen, und ihr habt mir geholfen. Die so Angesprochenen sind völlig verwundert: Wann haben wir dich, den König, denn je gesehen und sind dir beigestanden? Und Jesu Antwort ist geradezu ein Sprichwort geworden: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Und alles, was wir für den Nächsten nicht getan haben, „das habt ihr auch mir nicht getan“.
Wer einfach das Gute tut, wer nicht wegschaut von der Not des Anderen, der begegnet Gott, ob er es merkt oder nicht. Wir müssen es gar nicht wissen. Vor Gott zählt nur, dass wir es tun. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass in unserer Welt täglich unzählig viel Gutes geschieht, meist unbemerkt, oft unbedankt, still und selbstverständlich. Gäbe es das alles nicht, unsere Welt wäre eine Hölle. Wo immer Gutes getan wird, da ist ein kleines Stück Himmel jetzt schon spürbar.