Im Stephansdom kommt es immer wieder vor, dass jemand während des Gottesdienstes laut zu schreien beginnt, wie der Mann in der Synagoge, von dem heute im Evangelium die Rede ist. Es entsteht Unruhe. Der Gottesdienst ist gestört, unterbrochen. Wie mit dem Schreienden umgehen? Ich bewundere unsere Domwächter. Meist gelingt es ihnen, den Mann etwas zu beruhigen und ihn ohne viel Wirbel aus dem Dom hinauszuführen. Die Ruhe ist wieder hergestellt und die Feier der Liturgie kann weitergehen.
Wie anders aber hat Jesus gehandelt! Der Mensch, der von einem unreinen Geist besessen war, wird nicht aus der Synagoge entfernt. Jesus treibt den Dämon aus und befreit diesen armen Menschen von seiner Besessenheit. Er muss nicht aus der Mitte der Gläubigen entfernt werden. Er darf mitfeiern, er gehört wieder dazu.
Wenn im Stephansdom jemand zu schreien beginnt, nehmen wir an, dass er psychisch erkrankt ist oder dass er randaliert. Wohl kaum jemand käme auf die Idee, dass hier ein Exorzismus, eine “Teufelsaustreibung” angebracht wäre. Der Störenfried wird möglichst schonend entfernt und die Gläubigen können ungestört weiter den Gottesdienst feiern. Warum begegnen uns im Wirken Jesu sooft Menschen, die als besessen galten und aus denen Jesus “unreine Geister” austreibt? Handelt es sich hier nicht eher um seelisch kranke Menschen, die einer Therapie bedürften und nicht eines Exorzismus?
Jesus hat nicht nur selber oft Dämonen ausgetrieben. Er hat auch ausdrücklich seinen Jüngern “Vollmacht über die unreinen Geister” gegeben. Das lässt sich aus dem Leben Jesu nicht wegstreichen, und auch nicht aus dem Auftrag, den er der von ihm gestifteten Gemeinschaft gegeben hat. Deshalb frage ich mich oft, was das für heute bedeutet. Wie sieht Jesu Auftrag in unseren Tagen aus? Ein nüchterner Blick auf so manche Wirklichkeiten unseres Alltags zeigt, dass es das Böse und den Bösen nicht weniger gibt als zu Zeit Jesu. Und ebenso deutlich sehen wir, wenn wir ehrlich hinschauen, dass auch heute Befreiung von allerlei Besessenheit gebraucht und gesucht wird.
Alles, was uns irgendwie besessen macht, schreit eigentlich laut nach Befreiung. Wie besessen arbeiten, das kann eine Art Sucht sein. Aufs Geld aus sein, so dass nur mehr das Geld zählt. Über eine Kränkung einfach nicht hinwegkommen, darin gefangen bleiben. Von einer Abhängigkeit nicht loskommen, die einen zum Sklaven macht. Alle diese Situationen bräuchten so etwas wie das machtvolle Wort Jesu, das von solchen “unreinen Geistern” befreit.
Jahrelang habe ich erfolglos gekämpft, um von der Zigarette loszukommen, bis ich eines Tages die Zigarette ausgelöscht habe und dabei spürte: Es ist vorbei! Du bist es los! Bis heute kann ich mir das nur als ein Geschenk von oben erklären. Es war nicht meine Leistung, sondern Seine Hilfe. Ich bin deswegen den Rauchern gegenüber nicht intolerant geworden! Ich bin nur einfach dankbar, dass mir diese Befreiung geschenkt wurde.
Menschen haben die Nähe Jesu oft als echte Befreiung erlebt. Das ist bis heute so geblieben. Und so auch sein Auftrag an uns, an seinem Dienst der Befreiung mitzuwirken.
Heute, am 31. Jänner, ist der Gedenktag des großen Apostels der Jugend, des heiligen Giovanni Don Bosco (1815-1888). Was er in Turin und weit darüber hinaus geleistet hat, war wirklich ein Dienst der Befreiung. Tausende von armen Straßenkindern haben durch ihn und bald auch durch seine Gemeinschaft, die “Salesianer Don Boscos”, einen Weg ins Leben gefunden, heraus aus all den Folgen von Armut und Not. Sein “Geheimrezept”: in den oft verwahrlosten jungen Menschen das Gute zu sehen, sie mit Güte und Liebe zu behandeln. Und mit Fröhlichkeit. Der Teufel ist humorlos. Don Boscos Motto war befreiend: “Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen.”