Wunderheilungen gehören zur DNA des Christentums, sozusagen zum genetischen Code der Religion, die Jesus gegründet hat. Ich kenne leider die anderen Religionen nicht gut genug, um zu wissen, wie es bei ihnen um Heilungswunder bestellt ist. Im Leben Jesu gehören Krankenheilungen, die als Wunder betrachtet werden, untrennbar zu seinem Auftrag. Sie haben ihn berühmt gemacht, haben Scharen von Menschen angezogen. Das Zeugnis der Evangelien ist eindeutig: „Er heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten.“ Manche dieser Heilungswunder werden genau geschildert. Sie lösen Staunen aus, so sehr, dass Jesus sich oft des Ansturms der Hilfesuchenden kaum erwehren konnte.
Aber nicht genug damit, dass er selber viele Kranke geheilt hat. Seinen Jüngern gab er den Auftrag, die frohe Botschaft zu verkündigen. Wie selbstverständlich gehörte für Jesus auch dazu: „Heilt die Kranken!“ Offensichtlich bestand für Jesus sein Evangelium, seine Lehre vom Reich Gottes, nicht einfach nur in schönen Worten. Es gehörten immer auch die entsprechenden Taten dazu: die Liebe zu den Armen, die Hilfe für die Notleidenden und das Heilen der Kranken.
Von Anfang an war das auch in der Kirche der Fall. Von den Aposteln werden Heilungswunder berichtet, bis hin zu Totenerweckungen. Und durch alle Jahrhunderte gehören Wunder zu den „Begleiterscheinungen“ des Christentums. Viele sind genau dokumentiert. Zu jeder Heiligsprechung gehört auch ein ärztlich streng geprüftes Wunder, gewissermaßen als „Unterschrift des Himmels“. Ich habe selber ein solches Verfahren geleitet, als es 2012 um die Seligsprechungen von Hildegard Burjan ging, der Gründerin der „Caritas Socialis“.
Soweit so gut. Es bleiben freilich viele Fragen. Die erste, die ich mir oft gestellt habe: Wenn Jesus seinen „Anhängern“ den Auftrag gegeben hat, Kranke zu heilen, warum habe ich selber meines Wissens noch kein Heilungswunder vollbracht? Warum geschehen Wunder so selten? Warum hat Jesus nicht alle Kranken geheilt, selbst wenn er vielen die Gesundheit wiedergeschenkt hat? Sind solche Wunder Zufallstreffer oder willkürliche Gnadenerweise Gottes? Warum beten Kinder vergeblich um die Heilung ihrer krebskranken Mutter?
Mit dem Aussätzigen im heutigen Evangelium hatte Jesus Mitleid. Er berührte ihn, weil er von seiner Not berührt war, und heilte ihn. War er vom Elend der vielen anderen von der Lepra entstellten Menschen seiner Zeit nicht so berührt wie von dem einen? Was ist die Botschaft, die Jesus durch die wunderbare Heilung Einzelner vermitteln will? Und warum verbietet Jesus ihm streng, irgendjemandem von seiner Heilung zu erzählen? Ein Verbot, das praktisch gar nicht einzuhalten ist, denn alle Bekannten des Lepra-Kranken können doch sofort sehen, dass er von dieser abstoßenden, schrecklichen Krankheit geheilt ist.
Vielleicht hilft uns die Geschichte dieses wunderbar Geheilten besser zu verstehen, warum Gott immer wieder Einzelnen diese Gnaden schenkt: „Der Mann aber ging weg und verkündete bei jeder Gelegenheit, was geschehen war; er verbreitete die Geschichte.“ Nicht alle Kranken werden durch ein Wunder geheilt, aber alle sollen erfahren, dass es Wunder gibt. Die Wirkung dieser Heilung war gewaltig: Jesus muss sich verbergen, denn „die Leute kamen von überallher zu ihm“. Das Zeugnis des Geheilten führt viele Menschen zu Jesus. So ist es bis heute. Wer von Jesus berührt worden ist, wer seine Barmherzigkeit erfahren hat, den wird es drängen, anderen davon zu erzählen, auch ohne selber eine Wunderheilung erhalten zu haben.