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Die Stunde ist gekommen

Gedanken zum Evangelium, von Kardinal Christoph Schönborn, am Sonntag, 21. März 2012 (Johannes 12,20-33).

21.03.2021
© shutterstock.com

Als mein Vater die Diagnose Lungenkrebs erhielt, wusste er, dass seine Stunde gekommen war. Ganz unaufgeregt sagte er uns, seinen Kindern, wie ernst sein Zustand ist. Er lehnte jegliche Therapie ab und bat auch uns, ihn nicht dazu zu nötigen. Er nahm bewusst Abschied. Wir durften ihn begleiten. Ich bin dankbar, dass ich in seinen letzten Tagen und Stunden bei ihm sein konnte.

 

Für jeden Menschen kommt einmal die Stunde. Für manche ganz plötzlich, für andere erwartet, vielleicht sogar ersehnt. Es ist eigentlich erstaunlich, wie wenig wir uns mit der einzigen Stunde beschäftigen, die sicher einmal eintritt: unsere Todesstunde. Was löst der Gedanken an diese Stunde in mir aus? Mein Vater hat im Krieg den Tod hautnah erlebt. Er hat überlebt. Vielleicht war das Sterben für ihn deshalb nicht etwas Unerwartetes. Er ging ohne spürbaren Schrecken auf seine Todesstunde zu. Das hat uns sehr geholfen. Er sprach ganz offen davon.

 

Jesus hat immer wieder von seiner Stunde gesprochen. Und es war klar, dass er damit seine letzte Stunde meinte. Dreimal, so berichten die Evangelien, hat er ausdrücklich seinen gewaltsamen Tod vorausgesagt, am deutlichsten als er, vermutlich im Jahr 30, zum letzten Mal zum Osterfest nach Jerusalem hinaufzog.

 

Zu Pessach, dem jüdischen Osterfest, kamen jährlich viele Tausende Pilger nach Jerusalem, darunter auch Nichtjuden, die von der jüdischen Religion angezogen waren. Einige dieser „Griechen“ hatten von Jesus gehört und wollten ihn kennenlernen. Kam es zu einer Begegnung? Ihr Wunsch löst in Jesus nochmals die Gewissheit aus, dass „die Stunde gekommen ist“. Großes steht bevor. Jesus spricht von seiner Verherrlichung. Aber wie anders sieht sie aus gegenüber dem, was selbst seine Jünger insgeheim erhofft hatten: dass Jesus sich als mächtiger König, als Davidsohn, als Messias erweisen werde. Stattdessen spricht Jesus eindeutig von seinem nahe bevorstehenden Tod.

 

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ Jesus stellt sein eigenes Sterben in den weiten Rahmen der Natur. Überall gibt es das Gesetz des „Stirb und Werde“. Das kleine Weizenkorn ist ihm ein anschauliches Bild dafür. Leben gibt es nicht ohne Sterben. Du kannst dein Leben nicht festhalten. Nur im Loslassen kannst du es gewinnen. Lebendig ist das Leben, wenn es als Dienst, als Hingabe gelebt wird. Dann wird es fruchtbar.

 

Und doch macht dieses Urgesetz des Lebens auch Angst. Jesus war davon nicht ausgenommen. Der Gedanke an den nahen und schmerzvollen Tod erschüttert ihn. „Was soll ich sagen: Vater, errette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen. Vater, verherrliche deinen Namen.“ Jesus durchlebt die verschiedenen Phasen, die viele angesichts des Sterbens erfahren. Angst, Schrecken vor dem Unheimlichen, oft Qualvollen des Todes. Und dann wieder Vertrauen, Ergebenheit: „Vater, in deine Hände lege ich mein Leben.“

 

In Jesus siegt das Vertrauen. Es gibt seinem Sterben einen Sinn. Sein Tod ist nicht das Ende. Das Leben wird siegen. Nicht nur für ihn, sondern für alle Menschen. So schrecklich der Tod am Kreuz sein wird, er bringt „reiche Frucht“. „Wenn ich über die Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen.“ Wie viele Menschen haben diesen Trost erfahren, als für sie die Stunde gekommen war!

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