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Der Weg des Friedens

Gedanken zum Evangelium, von Kardinal Christoph Schönborn, am Sonntag, 18. April 2021, (Lukas 24,35-48).

18.04.2021
Taube
© shutterstock.com
Taube

Friede sei mit euch! Das sind die ersten Worte, die Jesus als der Auferstandene zu seinen Anhängern sagt. Jedes Jahr zu Ostern bewegt mich dieser Gruß aufs Neue.

 

Jesus hätte allen Grund gehabt, seinen Getreuen ein ernstes Wort der Kritik zu sagen. Sie hatten ihn alle verlassen, hatten sich in ihrem Versammlungsraum verschanzt, die Türen verrammelt. Außer dem Lieblingsjünger Johannes hatte es keiner gewagt, bei ihm zu bleiben, als er am Kreuz qualvoll dahinstarb. Nicht einmal als er tot war, haben seine Jünger sich darum gekümmert, dass sein Leichnam würdig bestattet wird. Nach damaligem Brauch wurden die Gekreuzigten in ein Massengrab „entsorgt“, wenn niemand den Leichnam von der Behörde erbittet. Zwei Ratsherren, Joseph von Arimathäa, und Nikodemus, sorgten dafür, dass Jesus ein ordentliches Grab erhielt.

 

Und jetzt ist Jesus plötzlich da, trotz verschlossener Türen. Was mich immer wieder überrascht: kein Wort des Vorwurfs! Kein Tadel! Nur das eine schlichte Wort: Friede sei mit euch! Wie oft passiert es mir, dass ich zuerst meine Kritik, meinen Ärger, meine Enttäuschung äußere, wenn mir etwas Unschönes widerfahren ist. Jesu Haltung gibt mir zu denken. Er erwähnt das Versagen seiner Jünger mit keinem Wort. Und so kann Freude aufkommen. Und das Wissen: Er hat uns vergeben!

 

Gegen meine Sicht kann ein Einwand erhoben werden: „Der Friede sei mit euch“, das ist der völlig übliche Gruß in den semitischen Sprachen. Bis heute grüßen die Israelis einander mit dem einfachen Wort „Shalom“, „Frieden“! In den arabischsprachigen Ländern ist es das schliche „Salam“. Jesus hat also seine Jünger ganz normal begrüßt. Papst Franziskus hat nach seiner Wahl viele dadurch überrascht, dass er als erstes Wort keinen religiösen Gruß gebraucht hat, sondern „buona sera“, „Guten Abend“!

 

Und doch glaube ich, dass das Wort „Frieden“ im Mund Jesu gerade in diesem Moment eine tiefe Bedeutung hatte. Der Alltagsgruß „Friede!“ trägt diese Bedeutung schon in sich. Es ist die ewige, unauslöschliche Sehnsucht nach dem Frieden. Diese Sehnsucht ist umso stärker, je mehr wir unter allen Arten von Unfrieden leiden. Jesus hat seinen Auftrag ganz ausdrücklich als Friedensbringer verstanden: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch.“

 

Er unterscheidet also den Frieden, den die Welt gibt, von dem Frieden, den er zu geben gekommen ist. Wir sehnen uns alle nach Frieden, aber nur selten gelingt es uns, in Frieden zu leben. Gewiss, wir haben in Österreich seit 75 Jahren keinen Krieg. Im Vergleich zu anderen Ländern haben wir geordnete Verhältnisse. Und das ist die Voraussetzung für sozialen Frieden. Aber an Streit und Hass, an Neid und Eifersucht fehlt es trotzdem nicht. Wir wissen, wie schwer es sein kann, Frieden in eine zerstrittene Familie zu bringen, und welcher Segen es ist, wenn Versöhnung gelingt.

 

„Christus ist unser Frieden“, sagt der Apostel Paulus: „Er hat in seiner Person die Feindschaft getötet.“ An Jesus kann ich anschaulich sehen, wie der Weg zum Frieden aussieht. Jesus beginnt einfach damit, dass er auf völlig berechtigte Vorwürfe verzichtet. Deshalb berührt es mich so sehr, dass er bis heute mit diesem Gruß in unsere Mitte tritt: „Friede sei mit euch.“

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