Die Corona-Krise hat nochmals deutlicher gemacht, was wir längst wissen können: Alles hängt zusammen! Keiner ist unabhängig. Niemand ist eine Insel. Die Pandemie ist überall. Das ist eine bittere Erfahrung. Sie hat aber auch eine tröstliche Seite: Wir sind auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen. Das gilt für die materielle Welt ebenso wie für die seelische, geistige Wirklichkeit. Alles ist aufeinander bezogen. Unsere Erde ist ein winziger Teil des weiten Universums, das vom kleinsten Atom bis zu den gewaltigen Galaxien auf den gleichen Baugesetzen beruht. Unser seelisches Leben ist tief verwoben mit den anderen Menschen. Schicksal und Geschichte, Erziehung und Vererbung prägen uns. Keiner kann sagen: Ich genüge mir selbst, ich brauche niemanden!
Wenn Jesus von den Geheimnissen des Lebens und der Welt spricht, macht er keine allgemeinen Theorien. Er spricht einfach und anschaulich. Er lädt uns ein, die großen Zusammenhänge in den Dingen der Natur und des Alltags zu beobachten. Heute führt er uns in die Weingärten. Es passt genau zur Jahreszeit. Die Weinstöcke treiben aus, die Rebzweige wachsen, beginnen zu blühen. Wie sehr alles zusammengehört, zeigt er an etwas ganz Selbstverständlichem: „Die Rebe kann aus sich keine Frucht bringen, wenn sie nicht am Weinstock bleibt.“ Abgeschnittene Rebzweige verdorren, an ihnen kann nichts mehr wachsen. Ich erinnere mich an die Zeit, als die Weinbauern noch die getrockneten Rebzweige gesammelt haben, um sie zum Anheizen im Herd zu verwenden.
Aber was will uns Jesus näherhin mit dem Hinweis auf den Weingarten sagen? Ich nehme zwei Zusammenhänge wahr. Gott ist wie der Winzer. Beobachte den Weingärtner ! Was tut er? Vor allem schneidet er ab, kräftig, radikal. Würde er die Rebzweige nicht wegschneiden, der Weingarten wäre bald eine unfruchtbare Wildnis. Alles Unfruchtbare, Dürre muss weg. Im Frühjahr folgten das Reinigen. Mich beeindrucken die Weinstöcke, wenn alles an ihnen zurückgestutzt ist und nur mehr zwei kleine, gesunde Rebzweige übrigbleiben. Sie werden wachsen und die ganze reife Frucht des Weinstocks bringen.
Gott ist der Winzer, wir sind die Rebzweige. Was oft wie harte Einschnitte aussieht und auch als schmerzlich erlebt wird, ist in Wirklichkeit eine Reinigung, eine Läuterung, die unser Leben von manchem Unfruchtbaren befreien will. Es ist wirklich nicht leicht, das so zu sehen. Wie kann Gott schweres Leid zulassen? Ist er gar ein grausamer Sadist, der uns unnötig leiden lässt? Und doch machen wir die Erfahrung, dass gerade die schweren Zeiten in unserem Leben die Phasen waren, in denen wir am meisten gereift sind. Ich möchte sie persönlich nicht missen, bin aber auch dankbar, wenn sie vorbei sind. Vielleicht ist die ganze Corona-Krise eine große Läuterung?
Den zweiten Zusammenhang sieht Jesus in der Beziehung zu ihm. „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“ In allen Prüfungen des Lebens ist es eine unschätzbare Hilfe, das zu erfahren: Mein Leben ist verbunden mit dem Urquell des Lebens. Ich muss es nicht alleine schaffen. Ich könnte es auch gar nicht. Die Reben beziehen den Lebenssaft aus dem Weinstock. Wir haben unsere Lebenskraft aus unseren unlösbaren Zusammenhängen mit dem göttlichen Quellgrund. Jesus sagt es klar und nüchtern: „Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.“ Wir können als Menschen zwar Vieles und Großartiges leisten. Nachhaltige Frucht werden wir nur bringen, wenn wir den großen Zusammenhang mit dem göttlichen Weinstock nicht verlieren.