Auch heuer wird es wohl nur wenige Fronleichnamsprozessionen geben. Die Corona-Abstandsregeln, die derzeit noch gelten, machen eine Prozession nicht recht möglich. Wie in vielen anderen Bereichen hoffen wir auf eine baldige Öffnung und Lockerung der Maßnahmen, wobei den meisten von uns klar ist, dass wir es diesen Maßnahmen verdanken, wenn die Pandemie (hoffentlich) bald überwunden ist.
Aber ist es überhaupt sinnvoll, Jahr für Jahr an Fronleichnam überall im Land solche Prozessionen abzuhalten? Ist es nicht etwas aufdringlich, wenn rein religiöse Veranstaltungen den öffentlichen Raum für sich beanspruchen? Und ist es für die Teilnehmer der Fronleichnamsprozessionen nicht peinlich, an den „Schanigärten“ und den zufällig Zuschauenden betend und singend vorbeizuziehen?
Welchen Platz hat Religion im öffentlichen Leben? Die Debatte darüber bewegt derzeit wieder einmal die Gemüter. Zur Zeit Jesu was das anders. Als er mit seinen Jüngern in Jerusalem das Paschamahl hielt, tat er das, was alle Juden an diesem Abend machten. Sie waren damals eindeutig die Mehrheit der Bevölkerung Jerusalems. Als in Österreich noch die große Mehrheit der Bevölkerung katholisch war, fiel eine Fronleichnamsprozession nicht auf. Sie gehörte zum Leben der Dörfer und selbst der Städte. Ein reiches Brauchtum hatte sich über die Jahrhunderte entwickelt, manches durchaus eine Folklore im guten Sinn.
Aber heute? Österreich ist religiös vielgestaltig geworden. Und für viele ist es normal, ganz ohne religiöses Bekenntnis zu leben. Gerade deshalb ist es wichtig, gegenseitig Toleranz und Wohlwollen zu praktizieren und die persönlichen Überzeugungen des Anderen zu achten. Das darf freilich keine Einbahnstraße sein. Freiheit der Religionsausübung ist vom Gesetz garantiert, ihr Missbrauch muss aber ebenso vom Gesetz abgewehrt werden. Leider wird nach wie vor weltweit in vielen Ländern die Religionsfreiheit behindert, werden Religionen vom Staat verfolgt.
Doch zurück zu Fronleichnam. Ich freue mich jedes Jahr auf den großen „Stadtumgang“ in der Wiener Innenstadt. Dann darf ich, gemeinsam mit vielen Menschen, die Monstranz durch die Straßen tragen, die das kleine, weiße Brot enthält, den „Leib des Herrn“ (das ist die Bedeutung des mittelalterlichen Wortes Fron-lichnam). Am Straßenrand, in den Straßenlokalen, beobachten viele Menschen dieses seltsame Schauspiel. Ich aber darf sie segnen, wer immer sie sind. Ich darf ihnen die Nähe Gottes zeigen, der Mensch wurde und sich selber uns Menschen zur Speise gibt. Ob sie es wissen oder nicht, ob sie an Christus glauben oder eine andere Religion haben, immer ist es mir eine tiefe Freude, diese so geheimnisvolle Nähe Gottes im gewandelten Brot durch die Menschenmenge zu tragen. Und ich bin dankbar, dass ich in unserem Land meinen Glauben, den ich mit vielen teile, öffentlich ausdrücken kann. Nächstes Jahr hoffentlich wieder mit der großen Fronleichnamsprozession.