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Eine einzigartige Frau

Gedanken zum Evangelium, von Kardinal Christoph Schönborn, zum "Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel", am Sonntag, 15. August 2021 (Lukas 1,39-56).

15.08.2021
Aufnahme Mariens in den Himmel
© Stephan Schönlaub/EDW
Aufnahme Mariens in den Himmel

Es gibt wenige Texte in der Bibel, die so oft zitiert und wiederholt werden wie dieses heutige Evangelium, zumindest Teile davon. Am häufigsten wird wohl der Gruß wiederholt, mit dem Elisabeth ihre Verwandte Maria begrüßt hat: „Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.“ Dieser Gruß wird in jedem Ave Maria, in jedem „Gegrüßet seist du, Maria“, ausgesprochen, freilich in einem etwas altertümlichen Deutsch: „Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.“

 

Es gibt kaum ein Gebet, das weltweit so oft gesprochen oder auch gesungen wird wie das Ave Maria. Es besteht aus zwei Teilen, einem Lob und einer Bitte. Das Lob beginnt mit dem Gruß des Engels an Maria: „Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir.“ Daran schließt der Gruß der Elisabeth an. Der zweite Teil ist die Bitte um den Beistand Mariens im Leben und im Sterben: „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes.“ Lob und Bitte gehören zusammen. Sie drücken beide ein tiefes Vertrauen zu Maria aus, ja eine Verehrung ganz besonderer Art.

 

Marienverehrung, Marienfeste, ist das nicht alles übertrieben?

 

Marienwallfahrtsorte in der ganzen Welt. Millionen von Pilgern strömen Jahr für Jahr zu den großen und kleinen Marienheiligtümern. Manche werfen den Katholiken und den orthodoxen Christen vor, sie würden Maria wie eine Göttin anbeten, ihr Kult sei eine kaum verhüllte Form von heidnischem Götzendienst. Daher wird die Verehrung Mariens auch in den meisten christlichen Kirchen und Gemeinschaften, die aus der protestantischen Reformation hervorgegangen sind, abgelehnt. Das Hauptargument: Die Marienverehrung ist nicht biblisch begründet.

 

Sicher gibt es die Gefahr eines Marienkultes, der zur Übertreibung neigt. Das heutige Evangelium kann helfen, die ganz berechtigte Liebe zur Mutter Jesu in gesunde biblische Bahnen zu lenken. Denn der Besuch Marias bei Elisabeth ist das älteste Zeugnis einer echten Marienverehrung. Elisabeth freut sich, dass auch Maria ein Kind erwartet. Aber sie spürt, dass dieses Kind eine unvergleichliche Bedeutung hat: „Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ Die Verehrung Mariens ist in diesem einfachen Wort begründet: Sie ist „die Mutter meines Herrn“. Und Elisabeth bewundert Maria für ihr Vertrauen, sich auf Gottes Plan eingelassen zu haben: „Selig, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.“ Das ist ein guter Grund, Maria zu verehren.

 

Und Maria selber? Ihre Antwort an Elisabeth ist ein Lobgesang, der seither von vielen Tag für Tag gebetet und gesungen wird, das Magnifikat: „Meine Seele preist die Größe des Herrn.“ Es gibt viele wunderbare Vertonungen des Lobliedes Mariens, alte und neue. Ein Wort daraus klingt wie eine Prophezeiung: „Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.“ Ist ein solches Wort nicht anmaßend im Mund der Frau, die eben Gott gedankt hat, dass er „auf die Niedrigkeit seiner Magd“ geschaut hat? Doch sie hat nicht übertrieben: Alle Generationen seit damals haben Maria geliebt, gelobt, verehrt, auf sie vertraut, nicht aber sie angebetet. Sie weiß, dass sie Mensch ist wie wir und dass alleine Gott angebetet werden darf. Und dennoch hat sie unter allen Menschenkindern ihren einzigartigen Platz.

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