Überall auf Erden wurde heute Nacht das wohl bekannteste Weihnachtslied gesungen, das „Stille Nacht, heilige Nacht“. Und obwohl es auf allen Weihnachtsmärkten aus den Lautsprechern endlos wiederholt wird: Wenn ich es dann in der Heiligen Nacht selber singe, berührt es mich doch jedes Mal neu. Das liegt nicht nur an der Melodie, die zu Herzen geht. Es ist der Inhalt dieses Liedes, der es unsterblich macht, auch wenn die Worte selber manchem heute ein wenig kitschig klingen mögen: „Holder Knabe im lockigen Haar, schlaf in himmlischer Ruh“. Von diesem Kind heißt es dann: „Gottes Sohn, o wie lacht Lieb´ aus deinem göttlichen Mund, da uns schlägt die rettende Stund´, Christ, in deiner Geburt“. So lieblich diese Worte klingen, so bewegend die Melodie ist, hier tut sich etwas Unfassbares auf: Dieses Kind ist Gottes Sohn! Aus dem „göttlichen Mund“ lacht uns eine Liebe entgegen, die nicht weniger bedeutet, als dass mit der Geburt dieses Kindes „die rettende Stund´“ geschlagen hat: „Christ, der Retter ist da!“ Gott in einem Kind! Gottes Liebe in Menschengestalt, in einem neugeborenen Knaben! Das ist das Geheimnis der Weihnacht, das durch alles Feiern dieser Tage immer noch durchscheint, das allen Weihnachtsliedern den besonderen Klang verleiht.
Heute, am Christtag, ist nicht mehr vom „holden Knaben“ die Rede, sondern vom Logos, von Gottes ewigem Wort, das immer schon bei Gott war und das selber Gott ist. Das heutige Evangelium, der Prolog des Johannesevangeliums, stellt das unfassbare Geheimnis der Weihnacht in den größtmöglichen Zusammenhang: „Alles ist durch das Wort geworden“. Es ist das Schöpferwort Gottes, das alles hervorbringt und erhält, allem, was ist, Licht und Leben gibt. Es ist „das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet“.
In wenigen Worten sagt hier Johannes Gedanken, die höchst aktuell sind. Am Anfang steht nicht das Chaos, sondern der Logos. Das griechische Wort bedeutet nicht nur „Wort“, sondern auch Sinn, Vernunft. Alles in der Schöpfung hat seinen Sinn, seine Ordnung, ist von Gottes Vernunft geprägt. Mit dem Licht unserer Vernunft können wir es (nicht ohne Mühe) erkennen. Das erleben wir zurzeit anschaulich: Weltweit forschen Wissenschaftler über das Virus, das uns alle fest im Griff hat. Forschung ist nur möglich, weil die Natur ihre Ordnung hat und deshalb zu uns sprechen kann. Sie hat uns ihr Wort zu sagen, aber wir wollen nicht auf sie hören. Die Welt ist Gottes Eigentum, aber wir benehmen uns, als gehörte alles uns selber. Johannes sagt es deutlich: „Die Welt ist durch ihn (den Logos, das Wort) geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“
Das ist die dramatische Situation, in der wir uns befinden, wenn wir den wahren Eigentümer der Welt, ihren Schöpfer, vergessen oder gar verleugnen. Mich bewegt immer mehr der einfache Gedanke, dass wir alles, wirklich alles, dem Schöpfer verdanken. Das ändert grundlegend die Lebenseinstellung. Eine tiefe Dankbarkeit, ein fast ständiges Staunen ist die Folge. Ich glaube, das hat mit dem Weihnachtsgeheimnis zu tun, das Johannes in das kurze, aber gewaltige Wort fasst: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit geschaut“. Im Kind von Bethlehem ist Gott Mensch geworden. Wer die Welt in diesem Licht zu sehen versucht, wird, trotz aller Finsternis, überall die Spuren Seiner Gegenwart erahnen.