"Muzungu"
Alle 50 Meter schallt es “Muzungu, Muzungu” (1) von der anderen Straßenseite, wenn du als weißer Europäer durch die Stadt marschierst. Du bist der sprichwörtliche rosafarbige Elefant mit quadratischem Rüssel – jeder sieht dich und will dich angreifen, anbetteln oder Hände schütteln. Wie gehst du damit um?
Niemandsland Turkana

Die Location: Lodwar, die Hauptstadt des wüstenähnlichen Landstriches Turkana im Nordwesten Kenias, fast so groß wie Österreich. Ein koloniales Anhängsel von Kenia - damals einfach als “Northern Frontier” kartographiert und mit Einreiseverbot versehen. Quasi ein Niemandsland.
Bis Ende der 1970er benötigten alle Reisenden, auch Landsleute, ein separates Visum. Diese Abschottung sorgte dafür, dass bis in die späten 1980er Jahre einiges unbekannt war, wie Geld, Alkohol, Zucker, Tee, Kaffee, Gemüse, Schulen und Straßen.
Der kulturelle Unterbau war klar geprägt von Männern, die tagsüber ihr Vieh weiden lassen, vorzugsweise im Schatten von Akazien, und Frauen, die von früh bis spät alle Arten von Hausarbeit verrichteten. Polygamie galt und gilt als normal.
Wirtschaftliche Aktivitäten dieser halbnomadischen Kultur waren vom Tauschhandel geprägt. Haustiere waren und sind Prestigeobjekte und wurden nur zur Geburt, Heirat und Begräbnis geschlachtet. Gemüse gilt nach wie vor als Tierfutter und des menschlichen Konsums unwürdig.
Mit der katholischen Kirche kommen die Brunnen
Mit der Ankunft katholischer Missionare und dem ersten katholischen Bischof, John Christopher Mahon, einem Iren, begann sich ab den späten 1960ern alles zu entwickeln: die ersten Brunnen, Häuser, Schulen, Straßen, Tankstelle, Fliegerlandepisten und medizinische Versorgung. All dies wurde durch großzügige Spenden aus Europa und USA finanziert. Bis 2013 war die Katholische Diözese gleichsam die Landesregierung von Turkana. Es gab nur zwei Autos in ganz Turkana: jenes des Provinzstatthalters und jenes des Bischofs. Ersterer wurde 2013 nach erfolgter Dezentralisierung und Etablierung eines "County Turkana" von einer Landesregierung abgelöst.

Der “große Sprung vorwärts” bedeutet Entwicklung und verlangte nach internationaler Entwicklungszusammenarbeit - von österreichischer Seite getragen von der Dreikönigsaktion und horizont3000.
Die ersten Entwicklungsfachkräfte aus Österreich
Im Zuge der Diözesanpartnerschaft zwischen Erzdiözese Wien und Diözese Lodwar wurden 2022 erstmals zwei Entwicklungs-Fachkräfte (früher mal als „Entwicklungshelfer“ bezeichnet) aus Wien nach Lodwar entsandt: Wir, das Ehepaar Gillian und Günter Woltron.
Der Auftrag von Seiten der kenianischen Diözese Lodwar war klar: Business Development mit Organisationsentwicklung und Marketing für ihre Geschäftsinitiativen wie Tankstelle, Buchladen, Hotel mit Seminarzentrum, Autowerkstatt, Bäckerei, Schwimmbad etc.
Die Falle, die jede Fachkraft zu vermeiden sucht, ist sofort mit Zielen, Budgets, Berichtswesen, Organigrammen, Prozessstrukturen, Formularwesen oder Marketingstrategien, um sich zu werfen. Ein afrikanisches Sprichwort beschreibt die Situation passend: „Wer glaubt, das Gras wächst schneller, wenn man daran zieht, irrt.”
Culture Clash
„Am Anfang ist das Wort“ und in der weltlichen Auslegung hier ist das erste Wort der lokale Gruß und Händedruck, den es zu lernen gilt. Erst mit Respekt und etwas Verständnis für die Lokalität beginnt die Reise als vermeintlicher Wirtschaftsmissionar. Eine Eigenheit der Turkana-Kultur ist, dass es keinen Ausdruck für „bitte“ und „danke“ gibt. Das setzt zu!
Erst später eröffnen sich Diskussionen, ob kirchliche Wirtschaftsbetriebe professionell oder karitativ geführt werden sollen. Reicht es nicht, wenn sie irgendwie überleben? „Spenden aus Übersee werden es schon richten” Für manche kirchlichen Stellen ist das Leben ein einziger Fluss an “Sadaka”, Kisuaheli für Geldspenden der Gläubigen. „Beten statt Arbeiten“ entspricht nicht dem europäischen „ora et labora“. Die Herausforderung als Fachkraft ist es sich in diesem Spannungsfeld erfolgreich zu bewegen und eigene Konditionierungen wegzustecken.
Das Problem ist jedoch ein aktueller Trend: Aufgrund des Rückgangs an internationalen Zuwendungen ist die Erwartungshaltung an die diözesanen „Hobbybetriebe“ den Spendenausfall zu ersetzen und darüber hinaus Profit abzuwerfen. Das hoch gesteckte Ziel: "self reliance" - eine selbständige Kirche werden.
Sei Vorbild und lerne vom Anderen
Ein - nach unseren Denkkategorien - kulturell fehlendes Verständnis für Arbeitsorganisation und Zeitmanagement der lokalen Turkana-Bevölkerung – andere kenianische Ethnien sind wahre Businessprofis – sowie die unorthodoxen Zugänge zu Unternehmensführung seitens des Klerus können Haare rasch ergrauen lassen. Andererseits: Jede Medaille hat zwei Seiten, es gilt den Erfindergeist und die immense Kreativität, die Afrika zu bieten hat, zu schätzen und zu nutzen.
Letztlich gelten für jede Fachkraft zwei bewährte Empfehlungen: sei selbst Vorbild – „leading by example“ – und lerne vom Anderen, denn die Weisheit hat sich auf die ganze Welt verteilt.
Günter Woltron, horizont3000-Fachkraft im Auftrag der Erzdiözese Wien (2022 - 2026)
(1) Das Wort bedeutet wörtlich übersetzt „jemand, der ziellos herumwandert“ oder „Wanderer“. Heutzutage wird es im alltäglichen Sprachgebrauch jedoch fast ausschließlich als Bezeichnung für „weiße Menschen“ oder allgemein für „Ausländer und Touristen“ verwendet. Das Wort ist nicht abwertend gemeint.