Die im Doppelbudget 2027/2028 vorgesehenen Einsparungen im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit treffen kirchliche Organisationen wie „horizont3000“ überproportional. Als Folge muss die Entsendung von Fachkräften aus Österreich ("Entwicklungshelfer:innen") ab 2027 eingestellt werden. Auch die Erzdiözese Wien ist von diesen Entwicklungen betroffen.
Erwin Eder, Geschäftsführer von horizont3000
Die Kürzungen der österreichischen Bundesregierung im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit (EZA) im Mitte Juli vom Nationalrat beschlossenen Doppelbudget 2027/2028 treffen die katholische Hilfsorganisation horizont3000 und deren Mitgliedsorganisationen überdurchschnittlich hart. Laut Angaben von Geschäftsführer Erwin Eder seien horizont3000 und ihre Trägerorganisationen von den Einsparungen doppelt so stark betroffen wie andere Akteure im EZA-Bereich. horizont3000 müsse mehr als ein Drittel des Personals abbauen, das Landesbüro in Mosambik schließen und das Büro in Zentralamerika stark reduzieren, um seine Tätigkeit fortführen zu können.
Keine Nord-Süd/Süd-Süd-Fachkräfteentsendungen mehr
Komplett wegfallen wird der Austausch von Fachleuten. Das sind jene Expertinnen und Experten, die man früher „Entwicklungshelfer“ nannte, die bei großen Projekten wichtiges Know-how liefern und die heute nicht mehr nur aus Europa in den globalen Süden geschickt werden, sondern immer häufiger aus einem Land des Südens in ein anderes Land des Südens. Zuletzt gab es Überlegungen und Pilotprojekte das Programm der Personellen Entwicklungszusammenarbeit in Richtung Friedensdienst zu erweitern - angesichts zunehmender Konflikte eine zukunftsweisende Strategie. „Irritierend ist, dass das Programm nicht gekürzt, sondern nun gleich ganz eingestellt wird, ohne dass eine Evaluierung des Instruments der personellen EZA durchgeführt worden ist. Mit der Einstellung geht ein über die Jahrzehnte erworbener Erfahrungsschatz verloren“, betont Eder.
Säule der Wiener Diözesanpartnerschaften bricht weg
Auch die Erzdiözese Wien, die über die Diözesankommission für Weltkirche und EZA einer der Trägerorganisationen von horizont3000 ist, konnte dank der Zusammenarbeit mit horizont3000 zwei Jahrzehnte lang österreichische Fachkräfte in Länder wie Ecuador, Kenia, Kolumbien, Moldau und St. Kitts entsenden. Die letzten staatlich geförderten Einsätze – in der Partnerdiözese Lodwar in Kenia – gehen Ende Oktober zu Ende.
„Für uns ist die Tatsache, dass wir keine Fachkräfte mehr aus unserer Diözese entsenden können, besonders bitter, hatten diese doch als eine der Säulen unserer Diözesanpartnerschaften eine tragende Rolle“, so der Weltkirche-Beauftragte der Erzdiözese und Vorsitzende der Diözesankommission Christian Zettl. „Partnerschaft baut auf einem dialogischen Prozess auf, welcher auf Kontinuität und Kommunikation angewiesen ist. Weltkirchliche Zusammenarbeit ist eben keine Einbahnstraße. Ein partnerschaftlicher Lernprozess, wie wir ihn mit unseren Partnerdiözesen intendieren, braucht einen intensiven, länger dauernden Kommunikationsprozess von Menschen zu Menschen, mit persönlichen Beziehungen vor Ort, wie er durch die Fachkräfteeinsätze gewährleistet war.“
Krise der Entwicklungszusammenarbeit - auch Partner in Kenia betroffen
Die besorgniserregende Entwicklung beschränkt sich indes nicht auf Österreich. Die internationale Entwicklungszusammenarbeit erlebe derzeit die größte Krise seit ihrem Bestehen, so Erwin Eder in einem im „Spinnrad“, Ausgabe 2/2026 erschienen Bericht. „Zahlreiche Geberländer reduzieren ihre Budgets für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe, während gleichzeitig Hunger, Konflikte und Klimakrisen weltweit zunehmen“, so Eder. Die USA, bislang der größte bilaterale Geber von Geldern für Entwicklungszusammenarbeit weltweit, hat nach dem Regierungswechsel Anfang 2025 rund 83 % der USAID-Programme eingestellt, wodurch eine Finanzierungslücke von etwa 60 Milliarden US-Dollar entstand.
Auch die kenianische Partnerdiözese der Erzdiözese Wien in Lodwar berichtet von dramatischen Auswirkungen des USAID-Stopps auf ihre Arbeit: „Die Einstellung der USAID-Mittel hat zu einem sofortigen Mangel an lebenswichtigen Medikamenten geführt und dazu, dass mobile medizinische Kliniken und Gesundheitshelfer in den Gemeinden ihre Arbeit einstellen mussten. Insgesamt hat die Einstellung dieser wichtigen Programme im Jahr 2026 zu gravierenden Lücken geführt, während die Region weiterhin mit einer anhaltenden Dürrekatastrophe zu kämpfen hat“, so John Jegede, Head of Strategy, Partnership, and Resource Mobilization der Caritas Lodwar.
Aufwendungen für Entwicklungshilfe rückläufig - auch in der Kirche
Auch in Europa sind die Budgets unter Druck. Nach Angaben des europäischen NGO-Dachverbands CONCORD haben 2025 17 EU-Mitgliedsstaaten ihre Ausgaben gekürzt während laut dem jüngsten OECD-Bericht 26 OECD-Länder ihre Ausgaben im Jahr 2025 reduziert haben. Die Quote der öffentlichen Entwicklungsleistungen (ODA) aller Mitglieder des DAC (Ausschuss für Entwicklungszusammenarbeit) verzeichnete im Jahr 2025 einen historischen Rückgang von 23 Prozent.
„Besonders stark betroffen ist in vielen Ländern die Humanitäre Hilfe, da in diesem Bereich Kürzungen oft besonders schnell umgesetzt werden können“, so Eder. Auch Österreich hat seine Beiträge seit 2024 um rund ein Viertel reduziert – und das ausgehend von einem ohnedies sehr niedrigen Niveau. Der Anteil der öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit (Official Development Assistance, ODA) am Bruttonationaleinkommen lag zuletzt bei lediglich 0,33 Prozent und dürfte laut Prognosen des Finanzministeriums bis 2028 auf rund 0,25 Prozent sinken. Damit entfernt sich Österreich weiter vom internationalen Ziel, 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens für Entwicklungszusammenarbeit bereitzustellen.
Auch im kirchlichen Bereich sind die Mittel für „Weltkirche und Entwicklungshilfe“ rückläufig. Während die Katholische Kirche in Österreich dafür 2019 noch 1,7% der diözesanen Gesamtbudgets aufwandte, sanken die Mittel bis 2025 kontinuierlich auf 1,2% (oder rund 9,3 Millionen Euro). Die Erzdiözese Wien widmete laut dem vor wenigen Tagen veröffentlichten Rechenschaftsbericht für 2025 rund 1,1 Millionen Euro oder 0,7 % ihrer Mittel für Entwicklungszusammenarbeit. In der Wiener Diözesansynode und im Synodalen Vorgang Anfang der 70er Jahre legten sich die Diözesen darauf fest, 2 Prozent ihrer ordentlichen Einnahmen für die weltweite Entwicklungszusammenarbeit und Mission zur Verfügung zu stellen.
"Bumerang, den wir alle zu spüren bekommen werden“
„Entwicklungszusammenarbeit gilt seit langem als Instrument zur Stabilisierung fragiler Staaten. Wenn Gesundheits-, Bildungs- und Ernährungsprogramme auf Grund von Kürzungen wegbrechen, steigen Armut, politische Instabilität und die Wahrscheinlichkeit von Konflikten. Damit ergeben sich auch für uns in Europa ernste Risiken. EZA-Kürzungen werden so mittelfristig zu einem Bumerang, den wir alle zu spüren bekommen werden“ fasst Eder die Entwicklungen zusammen.