Sunday 5. February 2023
Briefe und Impulse von Kardinal Schönborn

Den Schmerz in Hoffnung verwandeln

Der „Barmherzigkeits“-Kongress in Kolumbien, die Gefangenenseelsorge und die Synode:  Kardinal Christoph Schönborn wendet sich monatlich an die Leserinnen und Leser mit Themen, die ihn gerade  beschäftigen. Vom 14.9.2014

Liebe Leserinnen und Leser des Sonntag,

 

für mich war dieser Sommer sehr reich. Nicht an Sonnenschein – davon haben wir heuer wohl alle nicht allzu viel abbekommen. Aber an berührenden Begegnungen. Besonders im August bei dem großen Kongress zum Thema „Apostolat der Barmherzigkeit“ in der Hauptstadt Kolumbiens, in Bogota, den ich leiten durfte.

 

Kolumbien erlebt seit 56 Jahren einen grausamen Bürgerkrieg. Ich habe bei der Konferenz eine großartige, mutige Frau kennengelernt, Diana Sofia Giraldo de Melo. Sie hat die Organisation „Victimas visibles“ („Die sichtbaren Opfer“) gegründet. Victimas Visibles vernetzt Opfer, hilft den betroffenen Familien, spricht mit den Politikern über Anerkennung und Hilfe.

 

Barmherzigkeit „kostet"

Um Rache geht es nicht, sondern um Versöhnung. Viele Täter sind gleichzeitig Opfer, sagt Diana Sofia. Zum Beispiel Fedra, die aus bitterer Not zur Guerilla stieß – und die heute, schwer krebskrank, von Maria unterstützt wird, deren ganze Familie bei einem Anschlag der Guerilla verbrannt ist. Ich habe diese beiden Frauen, die ich auch schon in der Kronen Zeitung vorstellen konnte, gemeinsam mit anderen Opfern in Bogota getroffen. Sie haben mich tief beeindruckt. Einer der Grundsätze von Victimas Visibles heißt: „Para transformar el dolor en esperanza“ - „um den Schmerz in Hoffnung zu verwandeln”. Das ist auch die Wirkung der Barmherzigkeit: Schmerz wird zu Hoffnung.

 

Dabei ist Barmherzigkeit keine billige Sache. Bei meinem Vortrag in Bogota habe ich versucht aufzuzeigen, dass Barmherzigkeit etwas kostet. Nehmen wir das Gleichnis vom verlorenen Sohn: Sein älterer Bruder muss das Erbe nun mit ihm teilen, weil der barmherzige Vater den verlorenen Sohn wieder aufgenommen und damit ihm wieder das Erbrecht gegeben hat. Christus hat die Barmherzigkeit der Welt verkündet um den Preis seines Kreuzestodes. Wenn wir nicht mit ihm das Kreuz tragen, können wir auch nicht mit ihm barmherzig sein. Barmherzigkeit ist nicht billig.

 

Und es kann auch keine Barmherzigkeit geben ohne Wahrheit. Ich denke da an die beeindruckende Szene der Frau am Jakobsbrunnen (Joh 4). Christus spricht sie auf die große Wunde ihrer Seele an: „Geh, rufe deinen Mann!“ Einen Mann, nach dem sie sich sehnt – einen Mann, dem sie Frau sein kann, der sie liebt, achtet und ehrt, der sie nicht nur gebraucht, sondern „erkennt“ – einen solchen Mann hat es in ihrem Leben nie gegeben. So sagt sie: „Ich habe keinen Mann."

 

Christus antwortet ihr: „Du hast richtig gesagt: Ich habe keinen Mann. Denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann.“ Und was Christus ihr da – wohl ganz ruhig und ohne Anklage im Ton – gesagt hat, ist eine Befreiung für sie. Sie eilt in den Ort zurück und sagt zu den Leuten: „Kommt her, seht, da ist ein Mann, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe. Ist er vielleicht der Messias?“ Sie hat den Mann gefunden, der ihr die Wahrheit sagen kann, ohne sie zu verurteilen. Den Mann, der ihr Herz berührt. Sie wird zur großen Missionarin unter den Samaritern, denn „viele kamen auf das Wort der Frau hin zum Glauben an Jesus".

 

Allein Gottes Erbarmen...

Dass die Barmherzigkeit auch die Gerechtigkeit nicht ersetzt, sondern ihre notwendige Schwester ist, habe ich erst vor ein paar Tagen wieder handgreiflich erleben können. Bei einem Besuch in der Justizanstalt Mittersteig in Margareten. Dort sind fast hundert Menschen in Haft, die als geistig abnorme, aber zurechnungsfähige Täter gelten. Manche von ihnen sitzen wegen ziemlich scheußlicher Verbrechen für viele Jahre ein.

Für mich war es auch wieder eine Begegnung mit unserer beeindruckenden Gefangenenseelsorge. Dort sind zwei erfahrene Männer am Werk, Christian Kuhn und Norbert Schönecker. Sie mögen hier stellvertretend für die vielen Helfer stehen, die diesen Dienst für Menschen tun, die schuldig geworden sind – aber die trotzdem Kinder Gottes bleiben, die der Barmherzigkeit bedürfen. Es ist berührend zu sehen, wie nahe die Gefangenenseelsorger den Menschen im Gefängnis sind, oft mit tatkräftiger Unterstützung der Direktion. Wie ganz eigentümlich klingt dort das Wort des hl. Johannes Paul II., dass „allein das Erbarmen Gottes dem Bösen eine Grenze setzen kann".

 

Und jetzt bereite ich mich auf die Familiensynode vor, die im Oktober in Rom beginnt. Das Anliegen des Papstes ist: Wie kann die Kirche heute den Familien noch besser helfen? Das ist auch deshalb so wichtig, weil die Familie die erste und beste Schule der Barmherzigkeit ist. Wo lernt der Mensch besser barmherzig zu sein als dort, wo es ohne täglichem Verzeihen und Versöhnen und Opferbereitschaft gar nicht geht? Wo mit Gottes Hilfe Eltern und Geschwister in Liebe fortwährend kleine und große Verwundungen heilen und damit „transformar el dolor en esperanza“ - den Schmerz in Hoffnung verwandeln.

 

Gottes Segen für einen hoffnungsvollen Herbst wünscht Ihnen

 

Ihr

+ Christoph Kard. Schönborn

 

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