Tuesday 5. March 2024
Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht
Joh. 15, 5
Predigten von Kardinal Christoph Schönborn

Predigt zur Chrisammesse am 14. September 2020

Predigt in der Chrisammesse am 14. September 2020 von Kardinal Christoph Schönborn

Liebe Schwestern und Brüder,
liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen, diakonalen Dienst,
liebe Brüder und Schwestern, die ihr jetzt über den Livestream mit uns verbunden seid!

„Misericordias Domini in aeternum cantabo“ hat es eben geheißen. Das heißt auf Deutsch: „Das Erbarmen des Herrn will ich in Ewigkeit singen.“ Nun hat der Herr mich noch nicht in die Ewigkeit abberufen, obwohl es im Dezember schon sehr knapp war. Er hat mir noch eine Pilgerzeit dazugeschenkt, wofür ich sehr dankbar bin. Aber ich habe wirklich Grund, das Erbarmen des Herrn zu preisen. Heute, und ich hoffe auch in Ewigkeit. Es ist ein in vieler Hinsicht seltsames Jahr, und wir wissen noch nicht, was alles durch dieses Jahr auf uns und auf die ganze Welt zukommt. Eines ist sicher: Das Erbarmen des Herrn will ich in Ewigkeit preisen. Ich will es auch ganz persönlich tun.


Heute, an dem Tag, an dem ich vor 25 Jahren das Amt des Erzbischofs anvertraut bekommen habe, von Papst Johannes Paul II., am Weihetag meines Vorgängers, der am 14. September 1986 zum Bischof geweiht worden war und am 14. September vor 25 Jahren zurückgetreten ist. Es ist für mich heuer auch das Jahr meines goldenen Priesterjubiläums. Vor 50 Jahren wurde ich von Kardinal König zum Priester geweiht. Und heuer bin ich auch noch 75 geworden. Also: 25 – 50 – 75. Und meine Mutter ist heuer 100 geworden…
Und so möchte ich dreifach das Erbarmen des Herrn preisen. Zuerst für meinen priesterlichen Dienst in Dankbarkeit dafür, dass ich ihn auch mit euch allen, Ihnen allen leben kann. Denn das Bischofsamt hat ja den Priesterdienst nicht ausgelöscht, sondern hoffentlich noch verstärkt. Als zweites möchte ich danken für den bischöflichen Dienst, den ich eigentlich schon 29 Jahre ausüben darf, 4 Jahre als Weihbischof und dann 25 Jahre als Erzbischof. Und Dank sagen möchte ich drittens für die Freude am Glauben und das, was durch viele Jahre mein Dienst war, die Reflexion über den Glauben, die Theologie.


Dank für den priesterlichen Dienst
Zuerst der Dank für den priesterlichen Dienst. Ja, der priesterliche Dienst ist schwer beschädigt. Umso mehr hat es mich heuer bewegt, im Sommer mit elf jungen und weniger jungen Männern Gespräche zu führen, die in diesem Herbst alle ins Wiener Priesteramt eintreten. Und in jeder Geschichte – soweit ich sie in der kurzen Zeit kennenlernen konnte – habe ich die Spuren des Herrn gespürt, wie sie in Ihrer aller Leben auch spürbar sind. Das haben wir alle gemeinsam. Jede und jeder hat eine Geschichte mit Gott und Gott eine Geschichte mit uns.
Wie sieht das aus mit der Priesterberufung? Was ist das? Was bedeutet das in dieser Zeit? Wir werden gleich das Katechumenenöl und das Chrisamöl weihen und segnen. Chrisam, das ist die Salbung, die uns zu Christen macht. Und die große Freude der priesterlichen Berufung ist, dass sie zuerst eine Taufberufung ist. So habe ich das persönlich erlebt mit 11 Jahren, es war zuerst der Ruf in die Nähe Jesu, in eine Beziehung zu ihm. Dass sich das dann sehr schnell auch in die Gestalt der priesterlichen Berufung ausgeprägt hat, heißt nicht, dass nicht der Anfang immer die Taufberufung ist. Und wenn wir – Gott gebe es – heilig werden, d.h. das Ziel unseres Lebens erreichen, dann ist es nicht, weil wir dieses oder jenes Amt gehabt haben, sondern weil wir in dieser konkreten Geschichte unseres Lebens Jesus nachgefolgt sind. Ich habe oft erzählt – die meisten Priester haben es schon gehört – diese Geschichte, wie ich in Rom die Pförtnerin der Glaubenskongregation, als Joseph Ratzinger der neue Präfekt war, gefragt habe: „Wie ist denn euer neuer Präfekt?“ Und diese selbstbewusste, einfache Frau hat gesagt: „É un vero Cristiano“ – „Er ist ein wahrer Christ“. Was kann man Schöneres sagen über einen Priester? Was kann man Schöneres sagen über jeden von uns? Er ist ein wahrer Christ! Das ist die große Freude: die Freude am Christsein, die Freude der Lebensschule Jesu, in der sich dann unsere priesterliche Berufung ausprägt. Und die Freude am Christsein ist vor allem die Freude, zum Volk Gottes zu gehören. Papst Franziskus wird nicht müde, das zu erinnern: die Freude an den Einfachen, den Kleinen, die, die Jesus, das Evangelium, die näpioi nennt, denen der Vater sich offenbart.
Deshalb möchte ich zu diesem ersten Punkt zwei praktische Dinge sagen, die mir in meinem Leben wichtig geworden sind und die ich auch uns allen als Priestern wünsche: geistliche Begleitung. Wir müssen das geistliche Leben leben. Ich sage das auch mit Trauer, weil ich feststelle, wie das geistliche Leben zu kurz kommt in einem Tagesablauf, der oft viel zu dicht ist. Aber das ist die Quelle und wir brauchen die Hilfe auf diesem Weg, und die finden wir oft auch bei ganz einfachen Gläubigen, bei denen wir spüren: Die haben den Herrn im Herzen, die leben das Evangelium. Und es ist immer ganz wichtig, dass wir als Priester aufschauen zu den Gläubigen, nicht herunterschauen.
Das zweite, was dazu gehört, ist die Erfahrung der eigenen Armseligkeit. Was bin ich für ein armer Tropf! Was bin ich oft armselig vor Gott und den Menschen. Trotzdem hat er mir, uns, diesen Dienst anvertraut. Nicht, weil wir so gut sind, sondern weil er so gut ist. Wir wollen oft die starken Hirten mimen und sind doch Jesu schwache Schafe.


Dank für den bischöflichen Dienst
Der zweite Punkt: 25 Jahre Bischof. Als ich im Mai 1991 die Nachricht bekam von Kardinal Gantin, dem damaligen Präfekten der Bischofskongregation, dass Papst Johannes Paul mich zum Weihbischof in Wien ernannt hat, habe ich, wie man auf Wienerisch sagt, „geblatzt“, ich war nur erschrocken. Er hat mich dann beruhigt und gesagt: „Gehen wir in die Kapelle.“ Das Bischofsamt! Ich habe ja keine Vorbereitung gehabt. Ich war nur Professor. Ich war nie Pfarrer. Ich danke euch, den Mitbrüdern in der Diözese, dass ihr das ertragen habt, dass da so ein Professor euer Bischof ist, und nicht einer, der ein erfahrener Pfarrer ist. Ich hatte keine Erfahrung in Leitung. Ich hatte wohl eine Erfahrung, eine Ahnung von Theologie. Anderseits, das darf ich auch einmal erwähnen, bin ich der achte Bischof in der Familiengeschichte der Familie Schönborn. Also irgendwie scheint das genetisch programmiert zu sein… Im 17., 18., 19. Jahrhundert gab es Bischöfe aus der Familie, zwei darunter waren Kardinäle. Aber wie hat sich die Zeit verändert! Die Fürstbischöfe des 17. und 18. Jahrhunderts, die Landesfürsten waren, und dementsprechend war auch ihr Auftritt, ihr Hofstaat – wie hat sich das Bischofsamt verändert! Und das soll uns auch Mut machen, dass wir in den Veränderungen unserer Zeit, sei es als Priester, als Bischof oder einfach als Gläubige, trotzdem eine Kontinuität haben. Das hat mich schon als Theologiestudent fasziniert: die successio apostolica, die Nachfolge der Bischöfe, durch alle Generationen mit allen ihren Wandlungen und Veränderungen. Aber es gibt doch einen bleibenden Kern in diesem Dienst, der auf Jesu Berufung zurückgeht, und die Weitergabe dieses Dienstes durch die Jahrhunderte. Vor allem die Weitergabe des Glaubens, mit den Gläubigen zusammen. Und das ist sicher, wenn ich zurückblicke auf diese 29 Jahre doch etwas Wunderbares in diesem Dienst: Nachfolger der Apostel zu sein in der ganz anderen Zeit und doch in der Kontinuität; das Wirken Jesu in dieser Zeit zu erfahren, zu stärken, zu unterstützen, ihm zu dienen.


Dank für den theologischen Dienst
Und damit bin ich beim letzten Punkt. Ich bin sehr dankbar, dass ich 16 Jahre lang Universitätsprofessor für Theologie sein durfte. Den Glauben zu studieren, zu vertiefen und dabei immer wieder darauf zu stoßen: Es ist derselbe Glaube, den die Apostel verkündet haben und den wir heute verkünden. Natürlich hat er sich organisch entwickelt, es hat Entwicklungen gegeben, Entfaltungen, aber Christus ist derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit. Und diese Gewissheit, dass wir den Glauben der Apostel verkünden, hat mich ganz tief bewegt und ergriffen, als ich 1987 den Auftrag bekam, Redaktionssekretär des Weltkatechismus zu sein: also diesen Dienst, den Organismus des Glaubens darzustellen als lebendigen, organischen Glauben, der auch heute einer ist in einer so pluralen Welt: Es ist ein Glaube, eine Taufe, ein Herr. Und für mich war das Faszinierende in diesen fünf Jahren, die vielleicht die intensivsten meines Lebens waren, zu erfahren, auch in der Zusammenarbeit mit dem Redaktionsteam, mit den Bischöfen, mit der ganzen Weltkirche: Wirklich, es ist ein Glaube, ein Herr, eine Taufe. Ich habe die Freude am Glauben, die Schönheit des Glaubens, ja natürlich auch die Schwierigkeiten erfahren. Aber im Katechismus steht das schöne Wort von John Henry Newman, der jetzt heiliggesprochen ist: „Tausend Schwierigkeiten machen noch keinen Zweifel.“ Es gibt zahllose Schwierigkeiten im Nachdenken über den Glauben und im Leben des Glaubens. Aber der Glaube ist lebendig. Und diese beglückende Erfahrung durfte ich in den fünf Jahren der intensiven Arbeit an der Redaktion des Katechismus machen. Ich darf euch, Brüder und Schwestern, sagen, dass es mich immer wieder geschmerzt hat festzustellen, dass dieses große Glaubensbuch der Kirche im deutschsprachigen Raum und auch bei uns nicht die Aufnahme gefunden hat, die es weltweit gefunden hat. Ich möchte euch ermutigen, speziell die Priester für eure Verkündigung, immer wieder auch auf den Katechismus der Katholischen Kirche zurückzugreifen. Auch schon der wunderschöne Katechismus von Trient, 1566 von Papst Pius V. herausgegeben (und auch von Dominikanern redigiert), hat sehr geholfen, eine positive Verkündigung des Glaubens, nicht polemisch, sondern die Schönheit des Glaubens, die Stimmigkeit, die Kohärenz zu zeigen.


Ich schließe ab mit einem Wort von Karl Rahner, das mich für mein Leben geprägt hat, als junger Theologiestudent. Und ich möchte euch ermutigen, dieses Wort ins Herz zu nehmen und es auch weiterzusagen. Karl Rahner hat uns damals, den Theologiestudenten gesagt: Wenn du mit einem Thema des Glaubens Schwierigkeiten hast, dann sag nicht von vorneherein: „Ach, so ein Unsinn“, sondern halte dir einen Raum offen, dass vielleicht ein Plus an Wissen und Verstehen hinter diesem Glaubenssatz, dieser Glaubenslehre steht, der sich dir jetzt noch nicht erschlossen hat. Mach diesen Vertrauensvorschuss der Lehre der Kirche gegenüber. Das heißt nicht, dass du schon alles hundertprozentig bejahen kannst, aber mach diesen Vertrauensvorschuss.


Und noch ein zweites Wort. Die Erfahrung des Lebens und des Glaubens hat mir gezeigt: Wenn du fest im Glauben stehst, dann kannst du ein weites Herz haben. Du kannst weite Brücken bauen, wenn du feste Pfeiler hast. Und ich wünsche euch Brüdern im priesterlichen Dienst beides: fest im Glauben zu stehen und ein weites, weites Herz zu haben. Annähernd so weit wie das Herz Jesu.

 

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