Friday 23. February 2024
Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.
Mk. 1,11
Predigten von Kardinal Christoph Schönborn

Predigt zum Fest Maria Namen 2020

Samstag, 12. September 2020, Predigt zur Maria Namen Feier im Stephandsom
von Kardinal Dr. Christoph Schönborn, Erzbischof von Wien

 

Einleitung

Der Friede sei mit euch!
Liebe Schwestern und Brüder, mit diesem Gruß hat Jesus, der Auferstandene, seine Jünger gegrüßt: „Der Friede sei mit euch!“ Wir haben sein Leben, sein Sterben und seine Auferstehung in den Bildern betrachtet. Und jetzt feiern wir sie, jetzt ist sie Gegenwart, Wirklichkeit unter uns, die Hingabe seines Lebens für uns und unsere Sünden, seine Auferstehung für uns – in unserer Mitte ist der Herr. Ihn begrüßen wir jetzt mit dem Gloria und loben und ehren ihn in unserer Mitte.

 

Predigt

Liebe Schwestern und Brüder!
Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen, diakonalen Dienst!
Liebe geistliche Schwestern!
Herr Bezirksvorsteher, Frau Nationalratsabgeordnete!

 

„Wer ist Jesus?“ Dieser Frage ist der Film nachgegangen. Diese Frage füllt Bibliotheken – wir haben einige Bibliotheken von gelehrten Professoren im Film gesehen.


„Wer ist Jesus?“ Wenn wir das uns so bekannte und vertraute Evangelium von der Verkündigung hernehmen, dann wird ganz Großes von diesem Kind, das Maria empfangen soll, gesagt. „Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott wird ihm den Thron seines Vaters David geben.“ Also er ist ein Nachkomme des Königs David. „Er wird herrschen über das Haus Jakob in Ewigkeit. Und seine Herrschaft wird kein Ende haben.“ Gewaltig! Er wird für immer herrschen! Und der Engel antwortet auf die verwunderte Frage Marias, wie das geschehen soll: „Der Heilige Geist wird über dich kommen. Das Kind wird heilig und Sohn Gottes genannt werden.“ Und Maria stimmt zu und sagt: „Mir geschehe nach deinem Wort.“ Und so ist es geschehen. Und sie hat empfangen. Und sie hat ein Kind geboren. Dieses Kind heißt Jesus.


„Wer ist Jesus?“ Brüder und Schwestern, ich habe mir die Frage gestellt. Wir haben jetzt vieles gehört und gesehen über das Wirken Jesu, seine Wunder, seine Heilungen, seine Exorzismen, seine Predigt. Und dann vor allem sein Kreuz und schließlich seine Auferstehung. Das Ganze hat vielleicht maximal drei Jahre gedauert, vielleicht sogar weniger.


Aber davor hat er 30 Jahre lang verborgen gelebt. Wenn er drei Jahre öffentlich gewirkt hat, maximal, dann war das gerade ein Zehntel seines Lebens. „Wer ist Jesus?“ Warum haben wir in dem Film nichts gesehen über diese 30 Jahre? Kurz ein Bild von dem 12-jährigen Jesus im Tempel. Aber wie hat er denn gelebt? Wer war er, 30 Jahre lang?


Und, Brüder und Schwestern, vielleicht ist Ihnen das aufgefallen, wenn wir im Evangelium lesen, wie Jesus von Nazaret weggegangen war, zuerst an den Jordan zu Johannes, sich hat taufen lassen, dann die 40 Tage in der Wüste verbracht hat, und dann begonnen hat, unten am See in Kafarnaum, zu predigen: „Das Reich Gottes ist nahe!“ Er hat erste Wunder getan, er ist schnell berühmt geworden. Menschen sind gekommen zu Tausenden, ihn zu hören, zu sehen, zu berühren. Als er dann wieder zurückkam nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, staunen die Leute, seine eigenen Verwandten und Bekannten, er hat ja dort 30 Jahre lang gelebt. Wenn man die Zeit der Flucht nach Ägypten abzieht, waren es vielleicht 28 Jahre. Und die Leute fragen sich: „Wer ist Jesus? – Moment, wir kennen ihn doch. Das ist doch der Sohn des Zimmermanns. Und seine Verwandten leben unter uns, wir kennen sie doch.“ Man nennt die Namen. „Woher hat er das?“


Brüder und Schwestern, wenn man diese Fragen der Menschen in Nazaret ernst nimmt, dann muss man doch daraus schließen: 30 Jahre lang ist er nicht aufgefallen. Drei Jahre lang ist er berühmt geworden, umstritten, aber 30 Jahre lang war er unbekannt. Das heißt, er war schon bekannt, er war halt der Sohn des Zimmermanns. Und man hat gewusst, wo er arbeitet, man kannte die Baustellen der damaligen Zeit. Ich habe letztes Jahr Sepphoris besuchen dürfen, die Ausgrabungen der kleinen Residenzstadt des Herodes, nicht weit von Nazaret, auf Sichtweite. Dort haben alle Handwerker gearbeitet, genau zur Zeit Jesu. Sicher hat Jesus dort gearbeitet mit seinen Mitarbeitern, den Zimmerleuten. Er ist niemandem aufgefallen. Aber der Engel hat doch zu Maria gesagt: „Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Er wird herrschen über das Haus Jakob.“ Und dabei war er ein einfacher Handwerker.


Brüder und Schwestern, wenn wir fragen „Wer ist Jesus?“, dann dürfen wir nicht nur auf die drei Jahre schauen, die er öffentlich gewirkt hat, sondern müssen uns fragen: Wer war Jesus 30 Jahre lang in Nazaret? Dort ist er aufgewachsen als Kind, unter anderen Kindern. Und er ist nicht aufgefallen. Es gibt keine Berichte über die Wunder, die Jesus als Knabe getan hätte. Ja, in den apokryphen Evangelien, aber die gelten nicht als historisch.


Und dann ist er ein junger Mann geworden unter den Leuten in Nazaret, er ist nicht aufgefallen. „Deshalb wird er Sohn Gottes genannt werden.“ Aber der Sohn Gottes war versteckt unter dem Gewand des Zimmermanns. Versteckt. Wer hat darum gewusst?
Brüder und Schwestern, ich stelle fest, dass in unserem Betrachten des Lebens Jesu 90 Prozent seines Lebens fast nicht beachtet werden. Auch deshalb, weil wir einfach nichts davon wissen. Wir wissen nicht, wie der Alltag ausgesehen hat. Aber eines wissen wir sicher: Er war ganz normal. Es sind nicht die Engel um die Werkstatt Jesu herumgeflattert. Er musste arbeiten wie jeder andere, er musste das Holz bestellen und einkaufen für seine Arbeit als Zimmermann, er musste vermutlich Kostenvoranschläge machen, denn er war nicht der einzige Zimmermann in Galiläa. Und niemandem ist es aufgefallen, dass dieser Mensch der Sohn Gottes war und dass er „groß sein wird und Sohn des Höchsten genannt werden“ wird. Sohn Mariens, ja das hat man gewusst, Maria ist seine Mutter. Und Josef hat man für seinen Vater gehalten. Nur Josef selber und Maria wussten um das Geheimnis seiner Empfängnis. Aber sie werden das nicht am Marktplatz erzählt haben. Man hat sie vielleicht verdächtigt, es gibt so Andeutungen im Evangelium, dass irgend etwas doch nicht ganz gestimmt hat, dass dieses Kind so bald gekommen ist, obwohl sie noch nicht verheiratet waren.


Was sagt uns das über das Leben Jesu? Brüder und Schwestern, das sagt uns vor allem etwas über unser Leben. Denn unser Leben ist auch nicht sehr bekannt. Gut, mein Leben ist es vielleicht – ja, wenn man 25 Jahre Erzbischof war, dann wird darüber geschrieben. Aber unser Leben ist ein ganz normales Leben, unser Alltag. Und genau das hat Jesus gelebt, 30 Jahre lang, als Kind, als Jugendlicher, als junger Erwachsener, als reifer Mann. Genau das hat er gelebt.


Heute feiern wir den Namen Mariens. Und die einzige, die um sein Geheimnis gewusst hat, zusammen mit Josef, sie hat das im Herzen getragen, sie hat das nicht herumerzählt. Ich glaube, sie hat es erst erzählt, als Jesus auferstanden war und zu Pfingsten der Heilige Geist auch über die anderen gekommen war. Da konnte sie es sagen, wie das war und was der Engel ihr für eine Botschaft ins Herz gelegt hat.


Schwestern und Brüder, 30 Jahre hat sie mit dieser Botschaft gelebt, einen ganz normalen Alltag. Was für ein Glaube! Wir wissen es nicht, vielleicht hat sie Gott gefragt: Herr du hast mir doch eine Verheißung gegeben, warum geschieht nichts? Warum ist er jetzt schon 30, mein Sohn Jesus, und er ist immer noch einfacher Zimmermann? Er wird groß sein. Ja, wann wird er denn groß sein? Ich werde schon alt, wird sie wohl sich gesagt haben.
Brüder und Schwestern, den Glauben Mariens zu bewundern, zu verehren, dass sie mit diesem Wissen, dieser Botschaft einfach 30 Jahre lang den Alltag gelebt hat: Was heißt das für uns? Wer ist Jesus in unserem Alltag? Da ist er auch da, versteckt, verborgen. Wir selber erkennen ihn oft nicht, weil wir so den Alltag gewohnt sind: Ja, Jesus ist auch da. Und so wird der Alltag in Nazaret wohl gewesen sein: Arbeit, beten, essen, schlafen, Sorgen im Alltag. Aber Jesus war mitten in diesem Alltag. Und Maria wusste es, wer er war. Aber sie musste im Glauben tragen, dass man das nicht gesehen hat, dass das niemand gewusst hat außer ihr und Josef.


Und, Brüder und Schwestern, ich glaube, so ist auch unser christliches Leben oft: Wir leben in einer säkularen Gesellschaft, und manchmal frage ich mich: Was bin ich für ein seltsamer Mensch: Ich glaube an Jesus, ich glaube an Gott. Aber wie wirkt sich das in meinem Alltag, in unserem Alltag aus? Sieht man das? Und da gilt es zu glauben wie Maria: Er ist da, mitten in unserem Alltag, mitten in unserer Alltäglichkeit! Er ist da!


So können wir Maria heute bitten, am Fest ihres Namens, dass sie uns hilft, unseren kleinen, schwachen Glauben hineinzunehmen in ihren großen Glauben und zu vertrauen, dass das, was sie im Herzen getragen hat, auch uns im Glauben geschenkt ist. „Er wird groß sein und Sohn des Allerhöchsten genannt werden.“ Und er wird herrschen. Und wir werden ihn bitten: Herr, herrsche auch in meinem Leben, ganz im Verborgenen, aber ganz wirklich. Darum dürfen wir heute mit Maria bitten und danken für ihren Glauben.

 

Maria Namen-Feier, Kardinal Christoph Schönborn, NN
Maria Namen-Feier, Kardinal Christoph Schönborn, NN
Maria Namen-Feier, Kardinal Christoph Schönborn, NN
Maria Namen-Feier, Kardinal Christoph Schönborn, NN
Maria Namen-Feier, Kardinal Christoph Schönborn, NN
Maria Namen-Feier, Kardinal Christoph Schönborn, NN

 

 

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