Friday 24. May 2019
Berichte

Geschieden und doch von Gott geliebt

Ein Interview mit Dr. Renate Moser, Leiterin der WIGE der Kategorialen Seelsorge der Erzdiözse Wien mit der Furche


In der Erzdiözese Wien ist für wiederverheiratete Geschiedene viel möglich – auch Kommunionempfang, weiß Renate Moser. Aber das Kirchenrecht verbietet dies weiter.


| Das Gespräch führte Otto Friedrich

Schon seit 2006 engagiert sich Renate Moser in der „Plattform Geschiedene und Wiederverheiratete in der Kirche (WIGE)“. Seit 2011 ist sie in der Erzdiözese Wien für diesen Bereich angestellt. Die geschiedene Mutter von vier Söhnen geht bei der Synode von einer Politik der kleinen Schritte aus.


DIE FURCHE: Was erwarten Sie von der Bischofssynode über die Familie?
Renate Moser: Ich habe den Fragebogen, der im Vorfeld der Synode ausgeschickt wurde, zum Thema wiederverheiratete Geschiedene mit ausgewertet. Da gab es ein breites Spektrum von wenig Erwartung, weil „wir machen eh, was wir wollen“, oder: „Unser Pfarrer findet immer gute Lösungen, da müssen wir uns nicht darum kümmern, was der Vatikan sagt“, bis hin zu sehr hohen Erwartungen, dass die Zulassung zu den Sakramenten offiziell ermöglicht werden soll. Ich persönlich wünsche mir, dass es zumindest für den pastoralen Umgang Leitlinien geben wird, wie man mit Menschen nach Trennung und Scheidung verantwortungsvoll umgeht. Ich gehe nicht davon aus, dass der Paragraf im Kirchenrecht umgeschrieben wird, nach dem man in zweiter Ehe in schwerer Sünde lebt, und als Paar zwar miteinander leben, aber nicht geschlechtlich verkehren darf. Ich hoffe aber auf mehr Einfühlungsvermögen, sodass diese Menschen nicht das Gefühl haben, Christen  zweiter Klasse zu sein. Und dass man sie nach individuellen seelsorglichen Gesprächen auch zu den Sakramenten zulässt.
DIE FURCHE: Ist die Nichtzulassung zu den Sakramenten tatsächlich ein Problem?
Moser: Gesamtgesellschaftlich ist es kein besonderes Problem mehr, das zweite oder dritte Mal standesamtlich verheiratet zu sein. Innerhalb der Kirche leiden Menschen, etwa wenn  sie nicht mehr im Pfarrgemeinderat mitarbeiten dürfen oder der Pfarrer eine Segensfeier für eine zweite Ehe verweigert. Bei uns melden sich diesbezüglich Menschen und suchen Unterstützung. In der Erzdiözese Wien passiert aber  schon sehr viel.
DIE FURCHE: Heißt das: Es herrscht de facto bereits eine Situation, wo persönlich pastoral auf die Menschen eingegangen wird – auch bei der Sakramentenspendung?
Moser: Durchaus. Ich schätze, dass dies in der Mehrzahl der Pfarren so ist. Ich kenne sogar Pfarren,  wo es  „Ehevorbereitungen“ für die Zweitehe gibt.
DIE FURCHE: Die „Plattform für Geschiedene und Wiederverheiratete in der Kirche“ gibt es seit 25 Jahren: Ist es seit damals besser  ?
Moser: Ja. Es gibt großartige Priester, Seelsorger und Seelsorgerinnen. Unsere Plattform veranstaltet schon das zehnte Mal in Folge den Lehrgang „Leitlinien“, der pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im verantwortungsvollen Umgang unterstützt – etwa: Wie geht es im Fall einer Scheidung den Kindern? Was ist, wenn eine wiederverheiratete Geschiedene Tischmutter bei der Erstkommunionvorbereitung ist, und was denkt sich das Kind, wenn die Mutter dann selbst nicht zur Kommunion gehen darf? Oder wenn ein Jugendlicher seine Lieblingstante als Firmpatin haben möchte, die in einer nur standesamtlich geschlossenen Ehe lebt weil der Partner schon einmal verheiratet war? Auch da hat sich schon vieles verbessert. Doch letztlich hängt es vom jeweiligen Pfarrer ab – eine unbefriedigende Situation.
DIE FURCHE: Da gibt es dann Priester, mit denen das leichter, und solche, wo das schwerer oder gar nicht geht …
Moser: … ja …
DIE FURCHE: … und es heißt, jüngere Priester seien wieder viel konservativer.
Moser: Man kann das so pauschal nicht sagen: Einmal hat mich ein junger Ordensmann um Rat gefragt, weil in seiner Pfarre eine engagierte Pfarrgemeinderätin ein zweites Mal geheiratet hat. Zu Beginn eines Priesterlebens, denke ich, ist noch relativ viel theoretisch, die unterschiedlichsten Erfahrungen in der Seelsorge müssen erst gemacht werden.  Aber sobald sich in der Praxis eine Situation ergibt, wo der Umgang mit den betreffenden Menschen dem Kirchenrecht widersprechen würde, kommt es oft zu  einem Nachdenkprozess, vor allem auch, wenn es sich um Menschen handelt, die in der eigenen Pfarre mit großer Freude mitarbeiten wollen. Daraus ergibt sich dann oft eine gewisse Sensibilität für das Thema.
DIE FURCHE: Die Pastoral konterkariert also starre Vorschrift. Warum ist es so schwer,
diese Vorschrift zu ändern?
Moser: Ich glaube, die Kirche hat manchmal ein Problem mit dem Scheitern. Aber Scheitern gehört zum Leben dazu. Die Kirche tut sich leichter mit den Braven, wo alles funktioniert, wie es das Kirchenrecht vorsieht. Scheitert eine Ehe, ist das für die Betroffenen ein schmerzhafter Prozess. Aber es kann  auch eine Chance sein. Man könnte das Charisma dieser Menschen ernst nehmen: Vielleicht können sie mit ihren Erfahrungen anderen Christen mit ähnlichen Sorgen  helfen.
DIE FURCHE: Papst Franziskus sagt, man soll an die Ränder gehen: Gibt das Hoffnung?
Moser: Die Hoffnung ist groß und die Freude an dem, was zum Beispiel in „Evangelii Gaudium“ steht, oder was der Papst vorlebt, auch! Aber es gibt auch den Präfekten  der Glaubenskongregation und andere, die ein abweichendes Bild von Kirche zeichnen …
DIE FURCHE: … und die dieser Tage bekräftigt haben, dass sich da nichts ändern kann.
Moser: Das sollten wir eigentlich überwunden haben!
DIE FURCHE: Im Februar hat auch Kardinal Walter Kasper vor dem Kardinalskollegium für ein Umdenken plädiert.
Moser: Ich fürchte, das wird nicht so schnell gehen. Es wird eine Politik der kleinen Schritte sein. Das Sakrament der Ehe ist offenbar so ein großes Ideal für die Kirche … und ich stimme dem unbedingt zu! Auch ich habe in dem Bewusstsein geheiratet: Das wird ewig halten. Aber das Leben ist  anders verlaufen. Man sollte niemanden verurteilen, dem es nicht gelingt. Wenn man einen neuen Partner findet und neue Liebe erfahren kann, ist das ja auch ein Geschenk Gottes! Doch das Kirchenrecht argumentiert anders.
DIE FURCHE: Ein Ausweg, der ja nicht zuletzt von konservativer Seite propagiert wird, ist die Vereinfachung der Eheannullierungsverfahren.
Moser: Es gibt Personengruppen – etwa Religionslehrerinnen und -lehrer –, die beruflich Nachteile haben könnten, wenn sie es nicht machen. Aber für mich und viele andere kommt eine Annullierung  nicht in Frage. Denn zu dem Zeitpunkt, wo wir einander das Sakrament der Ehe gespendet haben, war das keine folkloristische Veranstaltung mit weißem Kleid und Orgelmusik, sondern es war uns sehr ernst und bewusst, was wir tun. Ich stehe zu meiner ersten Eheschließung, und auch zur schönen Zeit, die wir miteinander hatten.
DIE FURCHE: Kommt denn der Ansatz von Kardinal Kasper, die Barmherzigkeit in den Vordergrund zu stellen, Ihnen entgegen?
Moser: Mit wem hat Jesus sich abgegeben? Weniger mit den Perfekten und den Braven, er hat sich denen zugewandt, die verzweifelt, gescheitert waren. Er hat uns vorgelebt, wie man mit den Menschen umgeht. Orientieren wir uns an seinem Verständnis von Barmherzigkeit! Wäre ich wiederverheiratet, wollte ich allerdings nicht besonders „barmherzig“ behandelt werden. Ich wollte  eine Christin sein wie alle anderen. Nicht ausgeschlossen, aber auch ohne Sonderstatus, weil Gott mich liebt, ganz egal, wo ich stehe.
DIE FURCHE: Wiederverheiratete Geschiedene sind auch vom Bußsakrament ausgeschlossen. Ein Mörder kann zur Beichte gehen und Lossprechung seiner Sünden erlangen, wenn er glaubhaft umkehrt – ein wiederverheirateter Geschiedener aber nicht!
Moser: Es hat laut Kirchenrecht keinen Sinn, beichten zu gehen, wenn man nicht vorhat, wie „Bruder und Schwester“ zu leben! Der Priester kann die Absolution nicht erteilen, wenn man das Leben, das man oft glücklich und zufrieden führt, nicht bereuen und auch nicht ändern will. Mir kommt das  vor wie eine hohe Mauer, über die wir nicht drüberkommen, anstatt dass wir eine breite Tür öffnen und sagen: Kommt herein, ihr gehört selbstverständlich auch dazu!

Berichte zu der Broschüre "Die Sehnsucht nach dem DU hört niemals auf"

Mit dieser Podiumsdiskussion im Rahmen der Langen Nacht der Kirche und dem Symposion am 28. und 29. Mai 2010 wurde die Sehnsucht der Menschen nach gelingender Beziehung thematisiert.

Berichte zu der Broschüre: "Die fünf Aufmerksamkeiten"

Die Wiener "Plattform für Geschiedene und Wiederverheiratete" gibt eine Broschüre mit dem Titel "Aufmerksamkeiten" für den Umgang mit Geschiedenen und Wiederverheirateten heraus.

Plattform für Geschiedene und Wiederverheiratete in der Kirche (WIGE)
Plattform für Geschiedene und Wiederverheiratete in der Kirche (WIGE)
Stephansplatz 6/6/622
1010 Wien

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