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20.01.2022 · Österreich & Weltkirche

Afghanistan derzeit weltweit gefährlichster Ort für Christen

Afghanistan rangiert in der Negativ-Wertung nun vor Nordkorea, das 20 Jahre lang an der Spitze stand und nun auf Platz zwei verdrängt wurde, obwohl sich auch dort die extreme Verfolgungssituation der Christen noch weiter verschlechtert hat.

"Weltverfolgungsindex 2022": Hilfswerk "Open Doors" verzeichnet für das vergangene Jahr drastische Zunahme der Christenverfolgung in allen Weltregionen.

Eine starke Zunahme der Verfolgung und Diskriminierung von Christen weltweit verzeichnet die NGO "Open Doors". 360 Millionen Christen seien im vergangenen Jahr aufgrund ihres Glaubens in hohem Maß von Unterdrückung, Kontrolle und Gewalt betroffen gewesen; das sind um 20 Millionen mehr als im Jahr davor, listet das internationale christliche Hilfswerk in seinem am Mittwoch veröffentlichten "Weltverfolgungsindex 2022" auf.

 

Darin wird erstmals das nunmehr von den Taliban regierte Afghanistan als gefährlichstes Land für Christen genannt. Es rangiert in der Negativ-Wertung nun vor Nordkorea, das 20 Jahre lang an der Spitze stand und nun auf Platz zwei verdrängt wurde, obwohl sich auch dort die extreme Verfolgungssituation der Christen noch weiter verschlechtert hat.

 

Die Zustände in Afghanistan seien nach dem Fall Kabuls "schockierend", da sich alle dort im Untergrund lebenden Christen in akuter Lebensgefahr befänden, berichtete "Open Doors Österreich"-Geschäftsführer Kurt Igler im Interview der Nachrichtenagentur Kathpress: "Die neue Taliban-Regierung erhielt Zugang zu Aufzeichnungen, mit denen zum Christentum Konvertierte identifiziert werden können. Zudem suchen ihre Kämpfer aktiv nach Christen und gehen dabei von Tür zu Tür."

 

Von Kontakten wissen man aus erster Hand, dass für männliche Christen das Entdecktwerden ihres Glaubens den fast sicheren Tod bedeute, während Frauen und Mädchen entweder als "Kriegsbeute" mit Taliban-Kämpfern zwangsverheiratet oder unmittelbar vergewaltigt und verschleppt würden. Glauben in Gemeinschaft sei in Afghanistan fast unmöglich. Die meisten Christen im Land seien daher in ländliche Regionen oder in Flüchtlingslager der Nachbarländer geflohen, lebten aber auch dort in Gefahr.

 

"Talibanisierung" der Sahelzone

Schlimme Folgen habe die Entwicklung am Hindukusch jedoch auch für andere Weltregionen, legte Igler dar. "Dschihadistische Gruppen sehen sich nun als unverwundbar, da sie nun vom Westen offenbar keinen Widerstand mehr erwarten müssen. Sie nutzen für ihre Expansionspläne die Ohnmacht der schwachen und korrupten Regierungen der 'failed states' weiter aus und sehen sich als Angehörige eines gemeinsamen Kalifats."

 

Nachdem der IS in Syrien und im Irak gescheitert sei, schreite nun in Nigeria sowie anderen afrikanischen Ländern südlich der Sahara die konzertierte "Talibanisierung" voran - mit Vernetzung radikalislamischer Gruppen, Abschöpfung gemeinsamer Finanzquellen sowie Gewalttaten gegen Christen und moderate Muslime. "Mali könnte das nächste Afghanistan werden", warnte der "Open Doors"-Geschäftsführer. Genauso alarmierend sei auch die Situation in Niger, Burkina Faso, der Demokratischen Republik Kongo und der Zentralafrikanischen Republik.

 

Einblicke in die Lage in der Sahelzone gab gegenüber Kathpress der aus Niger stammende Journalist und Menschenrechtler Illia Djadi, Experte bei Open Doors für die Länder Afrikas südlich der Sahara. Mit Angriffen auf Dörfern verbreiteten die Milizen Schrecken, Entführungen von Kindern und Kirchenführern seien an der Tagesordnung und böten neben dem Menschen- und Drogenhandel lukrative Einnahmen. "Vielerorts gehen Menschen sonntags in die Kirche im Wissen, von dort vielleicht nicht mehr zurückzukommen", verdeutlichte der Menschenrechtler. Eine Folge sei die explodierende Zahl der Binnenflüchtlinge, von denen es derzeit 2,5 Millionen alleine in den drei Ländern Mali, Burkina Faso und Niger gibt.

 

Schulen und Kirchen platzten bei deren Versorgung schon längst aus allen Nähten, weshalb große Flüchtlingslager entstünden. Dort fehle es an allem: "An Unterkunft, Trinkwasser, Medikamenten und auch Schulen", wie Djadi erklärte. Die Diözesen und Lokalregierungen seien mit der Situation völlig überfordert. Die Not sei groß.

 

4.650 getötete Christen in Nigeria

Blickt man auf die weltweite Situation, so ist laut "Open Doors" das schon in den vergangenen Jahren stark angestiegene Verfolgungsniveau, unter dem Christen leiden, derzeit insgesamt so hoch wie nie. "Gab es vor zehn Jahren in unserer Wertung nur in Nordkorea extreme Verfolgung, so sind es heute elf Länder", verdeutlichte Igler, der als Gründe dahinter mehrere "Megatrends" ausmachte, nämlich: "Einerseits den aufstrebenden radikalen Islamismus, dann auch den erneut erstarkenden religiösen Nationalismus sowie schließlich die in manchen Ländern totale Überwachung und Kontrolle", so der evangelische Theologe.

 

Unter den zehn Ländern mit der meisten Christenverfolgung finden sich nach Afghanistan und Nordkorea auch Somalia, Libyen, Jemen und Eritrea, gefolgt von Nigeria, Pakistan, Iran und Indien. Die Menschenrechts-NGO legt bei ihrer auf Medienberichten, Forschungsinstituten, NGOs und Fragebögen beruhenden Analyse das Augenmerk einerseits auf offene physische Gewalt. Den Angaben zufolge wurden von Oktober 2020 bis September 2021 weltweit nachweislich 5.898 Christen wegen ihres Glaubens getötet, um 1.137 mehr als im Jahr davor.

 

Die meisten dieser Morde geschahen in Subsahara-Afrika, allen voran in Nigeria (4.650). Die Gesamtzahl der angegriffenen Kirchen stieg auf 5.110, Festnahmen und Verhaftungen von Christen nahmen um 44 Prozent zu auf weltweit 6.175 Fälle, davon 1.315 in Indien. Der seit 1992 jährlich erstellte Index berücksichtigt aber auch subtilere Unterdrückung aufgrund christlichen Glaubens im zivilen, sozialen, Familien- und Privatleben.

 

Viele Gesichter der Verfolgung

Teils ist das Leben von Christen bestimmt von Flucht - vor islamistischer Gewalt (Sahelzone, Zentralasien), vor Zwangsrekrutierung (z.B. in Eritrea), Bürgerkrieg (Sudan), staatlichen Repressionen (Iran), Vertreibung (Myanmar) oder familiärer Unterdrückung. Anders die Situation in China (Rang 17), das von seinen Bürgern immer mehr Konformität verlangt und in Staaten wie Vietnam (19) und Kuba (37) interessierte Nachahmer findet: Alle Alltagsbereiche, die Redefreiheit und die Glaubenspraxis würden eingeschränkt, religiöse Leiter zur Unterstützung des Regimes verpflichtet, hochentwickelte Überwachungsanlagen in den Kirchenräumen installiert und Bibel-Apps wie auch der Zugang zur Bibel blockiert, heißt es vonseiten des Hilfswerks. Im Nachbarland Indien bestimmt hingegen eine von der Regierung zugelassene oder sogar geförderte Gewaltwelle die Situation von Christen und anderen Minderheiten, sowie auch gezielte Desinformation und Propaganda in Mainstream- und sozialen Medien.

 

Das Corona-Virus verschlimmere die Christenverfolgung oft noch, berichtete Igler. "Einerseits trägt der alleinige Fokus auf die Pandemie dazu bei, dass das Thema weltweit unterbelichtet bleibt. Andererseits werden Corona-Maßnahmen vielerorts von Regimes gezielt gegen Christen eingesetzt." So seien beispielsweise in Katar oder Algerien christliche Hausgruppen auch nach den Lockdowns verboten geblieben, während in China die Beschränkungen jüngst als Vorwand genutzt worden seien, um das Feiern von Weihnachten zu unterbinden. Hinzu komme in vielen Ländern die durch Corona-Krise erfolgte drastische Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation vieler Christen, die oft den ärmeren Bevölkerungsgruppen angehören.

 

Mehr Anwaltschaft und Unterstützung

An die westlichen Staaten appellierte der "Open Doors Österreich"-Geschäftsführer, ihr Engagement zur Stärkung der Menschenrechte im Jahr 2022 zu erneuern. "In Zeiten, in denen selbst Lippenbekenntnisse zu den Menschenrechten immer seltener werden, ist der Schutz und die Förderung der Religionsfreiheit dringender denn je. Religionsfreiheit ist Grundlage für so viele andere Freiheiten", unterstrich Igler. Mehr Wahrnehmung und Interesse der Öffentlichkeit für das Thema Christenverfolgung mahnte auch der nigrische Aktivist Djadi ein. "Das Schicksal der verfolgten Christen ist deshalb so schrecklich, da es sich um eine vergessene Krise handelt. Anwaltschaft und Druck auf die Regierungen sowie Unterstützung der vor Ort tätigen Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen sind unbedingt notwendig, damit Christen den Schutz und die Sicherheit erfahren, die sie brauchen", so der Experte.

erstellt von: red/kathpress
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