Tuesday 15. October 2019
Katechesen von Kardinal Christoph Schönborn

4. Katechese: Der Preis der Barmherzigkeit - Was sie Jesus kostet

Wortlaut der 4. Katechese von Kardinal Christoph Schönborn am Sonntag, 13. Jänner 2008, im Dom zu Stephan.

Wir sahen in der letzten Katechese in zwei Szenen des Evangeliums zwei Arten der Barmherzigkeit: die eine, die die Jünger praktizieren.

 

Sie zeigte sich etwa in den Bitten der Jünger, Jesus möge die vielen Menschen, die schon stunden-, ja tagelang bei ihm ausharren, ihm zuhören, ihn um Heilung bitten, entlassen, damit sie sich selber etwas zu Essen besorgen. Sie sehen sich nicht selber in der Lage, Essen herbeizuschaffen, deshalb machen sie Jesus diesen Vorschlag.

 

Der Herrenbruder Jakobus formuliert das später so: "Wenn da ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung ist und ohne das tägliche Brot und einer von euch zu ihnen sagt: Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch! Ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen - was nützt das?" (Jak 2,15-16).

 

Jesus fordert die Jünger auf, den 5.000 Menschen zu essen zu geben, denn sie könnten sich nicht selber ernähren. Damit überfordert sie Jesus aber. Doch indem er sie in ihrem Glauben herausfordert, zeigt er ihnen auch, dass ER selber ihnen gibt, was sie dann verteilen können: ER wirkt das Wunder der Brotvermehrung, sie dürfen dessen Zeugen sein.

 

Barmherzig schienen die Jünger auch im Falle der heidnischen Frau im Küstengebiet von Tyrus und Sidon zu sein. Sie fleht Jesus um Hilfe für ihre besessene Tochter an, und während Jesus sie keines Wortes würdigt, bitten die Jünger den Meister, er möge sie von ihrer Sorge befreien (Mt 15,21-28). Aber ihre "Barmherzigkeit" ist nicht selbstlos. Sie wollen, wie schon bei der Brotvermehrung, vor allem ihre Ruhe haben. Die Frau ist lästig. Sie schreit herum. Sie gibt keine Ruhe. "Gib ihr, worum sie bittet!"

 

Wie Eltern, die ihre Kinder "ruhigstellen" wollen, indem sie das Fernsehen erlauben oder die Süßigkeiten doch kaufen, nur damit das Geschrei ein Ende hat, so wollen die Jünger "vor allem keinen Wirbel". Wir folgen hier oft der "Barmherzigkeit" der Apostel: Nur keine Konflikte, nur schnell alles gewähren. Denn sonst wird es (zu) mühsam. Wie sehr müssen wir lernen, genau zu unterscheiden, ob unsere "Barmherzigkeit" die billige ist, die vor allem Ruhe will, oder ob sie dem anspruchsvollen Weg Jesu zu folgen bereit ist.

 

Ich habe letztes Mal gezeigt, wie Jesus mit der heidnischen Frau einen harten, steilen Weg geht, der sie auf die Höhe eines großen Glaubensaktes führt. Jesus lehnt rundweg ab, ihr zu geben, worum sie bittet. Seine Sendung gelte den verlorenen Schafen Israels, nicht den Heiden. Sie lässt sich nicht beirren, fleht, bittet, fällt ihm zu Füssen. Jesus wird noch deutlicher, scheinbar unerbittlich hart: Es sei nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und es den Hunden vorzuwerfen. Diese wirklich diffamierende Aussage, die die Heiden als Hunde hinstellt - was manche Christen im Mittelalter den Juden gegenüber taten, wie die Tafel aus dem 15. Jahrhundert am Wiener Judenplatz, am sogenannten Großen-Jordan-Haus zeigt -, schreckt die Frau nicht ab: auch die Hunde bekommen die Brösel vom Tisch der Herren. Jesu scheinbare Härte führt diese Frau zu einem großen Akt des Glaubens, der Jesu Bewunderung auslöst: "Frau, dein Glaube ist groß!"

 

Wie soll man zwischen der scheinbaren Barmherzigkeit der Apostel, die eine versteckte Form des Egoismus ist, und der scheinbaren Härte Jesu, die in Wirklichkeit der Weg seiner wahrhaft göttlichen Barmherzigkeit ist, unterscheiden? Dieser Frage sei heute weiter nachgegangen. Es wird sich zeigen, dass die Barmherzigkeit nie billig ist, und vor allem, dass Jesus für sie den Preis bezahlt hat. Ohne diesen hohen Preis gäbe es nicht das Übermaß an Barmherzigkeit, das Gott uns bereithält. Johannes sagt im Prolog zu seinem Evangelium: "Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade" (Joh 1,16). Diese Fülle ist nicht nur Seine Gottheit, sondern seine Menschheit, die Barmherzigkeit, die er ohne Maß verschenkt, und die er im Übermaß für uns "verdient", erworben hat, indem er den Preis dafür gezahlt hat.

 

I.

Täglich betet die Kirche als erstes Gebet am frühen Morgen, nach der Bitte: "Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde", zum Invitatorium den Psalm 95: "Kommt, lasst uns jubeln vor dem Herrn" In der Mitte dieses Psalms steht ein Vers, den ich besonders liebe und der jedes Mal zu einer innigen Bitte für den ganzen Tag wird: "Ach, würdet ihr doch heute auf Seine Stimme hören! Verhärtet euer Herz nicht wie in Meriba, wie in der Wüste am Tag von Massa" (Ps 95, 7-8).

 

Herzensverhärtung ist das Gegenteil von Barmherzigkeit. Pôrôsis des Herzens nennt es das Neue Testament auf Griechisch. Wie sehr müssen wir darum beten, dass das Herz nicht "porös" wird. Es ist die erschreckende Möglichkeit, dass das Herz sich verhärtet, versteinert, abgestumpft und gefühllos wird. Genau das aber ist die Ursünde des Menschen Gott, und immer in eins auch dem Nächsten gegenüber.

 

Herzensverhärtung ist Abfall von Gott und Unempfindlichkeit gegenüber dem Nächsten. Sie ist damit der tragische Verlust der eigenen Menschlichkeit. Der im Herzen hart Gewordene ist als Mensch versteinert, hat seine Lebendigkeit verloren. Jesus ist gekommen, um uns das von den Propheten verheißene neue Herz zu geben, das alte Herz aus Stein aus unserer Brust zu nehmen und uns ein Herz aus Fleisch zu schenken (vgl. Ez 11,19; 36,26-27; Jer 31,33; 32,39).

 

Aber gerade daran "scheitert" Jesus, nach menschlichem Maßstab. Gerade das scheint ihm nicht zu gelingen. Die Herzen werden rund um ihn härter, statt offener. Und diese Verhärtung der Herzen führt schließlich zu seiner Verwerfung, zum Justizmord. Gehen wir den Spuren dieser wachsenden Hartherzigkeit nach und fragen wir uns, wie es dazu kommen konnte.

 

Da ist die Szene, ganz am Anfang von Jesu Wirken in Galiläa: "Als er ein andermal in eine Synagoge ging, saß dort ein Mann, dessen Hand verdorrt war. Und sie gaben Acht, ob Jesus ihn am Sabbat heilen werde; sie suchten nämlich einen Grund zur Anklage gegen ihn. Da sagte er zu dem Mann mit der verdorrten Hand: Steh auf und stell dich in die Mitte! Und zu den anderen sagte er: Was ist am Sabbat erlaubt: Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zu vernichten? Sie aber schwiegen. Und er sah sie der Reihe nach an, voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz (sullupoumenos epi tê pôrôsei tês kardias autôn), und sagte zu dem Mann: Streck deine Hand aus! Er streckte sie aus, und seine Hand war wieder gesund. Da gingen die Pharisäer hinaus und fassten zusammen mit den Anhängern des Herodes den Beschluss, Jesus umzubringen" (Mk 3,1-6).

 

Wieso verhärten sich die Herzen? Jesus stellt ihnen eine Frage, auf die die Antwort klar ist: Natürlich ist es nicht erlaubt, am Sabbat Böses zu tun; natürlich muss man am Sabbat ein Leben retten. Aber wenn sie dieser offensichtlichen Sache zustimmen, dann müssen sie auch einverstanden sein, dass Jesus am Sabbat heilt. Warum ist das so schwer? Ist es nicht klar genug, dass er ein Mann Gottes ist, wenn er solche Gaben der Heilung hat? Aber wenn sie dem zustimmen, dann müssen sie ihn annehmen, ihm glauben, und genau das bringen sie nicht zustande. Ihre Herzen verhärten sich in der Begegnung mit seiner Barmherzigkeit. Sie glauben, Gott die Ehre zu erweisen, indem sie ihn ablehnen, und planen gleichzeitig, gemeinsam mit ihren eigenen Feinden, den Leuten des Herodes seine Ermordung.

 

So steht schon am Anfang von Jesu Wirken das ganze Drama wie in einer "Exposition" fest: Sie werden ihn umbringen. Und der Grund ist klar: Ihre Herzen haben sich verhärtet. Wie geheimnisvoll, rätselhaft: in ihm ist die Liebe und Barmherzigkeit Gottes auf Erden erschienen. Aber sie löst das Gegenteil aus. Was ist es um dieses dunkle Mysterium der "Herzensverhärtung"?

 

II.
Die eigenen Jünger Jesu sind davor nicht gefeit. Die Evangelien sind von einer unerbittlichen Offenheit über die Schwächen der eigenen Jünger Jesu, über ihr Nicht-Verstehen des Meisters und über ihre Unsensibilität, ja Herzenshärte. In der letzten Katechese haben wir schon einige Beispiele dafür gesehen. Der Evangelist Markus, der Schüler (und Schreiber?) des Apostels Petrus, macht das besonders deutlich. Er führt das häufige Nicht-Verstehen der Jünger auf ihre Herzensverhärtung zurück. Nach der ersten Brotvermehrung, damals, als die Jünger Jesus rieten, die Leute wegzuschicken, damit sie sich selber Essen besorgten, hieß Jesus seine Jünger im Boot vorauszufahren, er wollte die Leute entlassen, und blieb dann zum Gebet allein auf einem Berg. Gegen Morgen kommt er über den See. Sie erschrecken. Glauben, es sei ein Gespenst. Er steigt ins Boot, der Wind legt sich: "Sie aber waren bestürzt und außer sich. Denn sie waren nicht zur Einsicht gekommen, als das mit den Broten geschah; ihr Herz war verstockt" (Mk 6,51 f).

 

In so großer Nähe zu Jesus - und doch ist das Herz hart. Wie geht das? In der Nähe des Heiligen - solche Härte? Fast muss ich die Frage wagen: löst die Nähe, das Feuer der Gegenwart Gottes Ablehnung, Kälte, Versteinerung des Herzens aus?

 

Es gibt dieses Phänomen schon im menschlichen Bereich, dass das Gute das Böse provoziert, die Güte geradezu Hass wecken kann. Wir rühren hier an das "Geheimnis der Bosheit", wie Paulus es nennt (2 Thess 2,7). Es ist, als fühlte sich das Böse durch das Gute bedroht, als wollte es nicht zulassen, dass es das Gute gibt, und dass es letztlich stärker ist als alles Negative.

 

Es gibt auch das Phänomen der Verhärtung der Herzen in der Nähe des Heiligen. Es gehört zu den schmerzlichsten Dingen der Kirche, dass gerade die "Diener des Allerheiligsten", wir Priester, von der Herzenshärte bedroht sind. Sie schleicht sich leise ein, durch die Routine, durch Bequemlichkeit, Abstumpfung, durch Erkalten der "ersten Liebe" (vgl. Offb. 2,4). Dann können Hirten zu Wölfen, und Kardinäle zu Teufeln werden (so sagt es zumindest eine Kirchenlehrerin, die Hl. Katharina von Siena, 1380). Gegen dieses so zerstörerische Gift der Herzensverhärtung in der Kirche hilft nur das Heilkraut des Herzens Jesu.

 

Die hl. Marguerite Marie Alacoque (1690) hat Jesus unter den Versprechungen, die er den Verehrern seines Herzens gegeben hat, auch diese genannt:

"Mein göttlicher Erlöser gab mir zu verstehen, dass alle, welche am Heile der Seelen arbeiten, die Gabe haben werden, auch die verhärtetsten Herzen zu rühren; sie werden, falls sie nur selber eine zarte Andacht zu seinem heiligen Herzen pflegen, mit wunderbarem Erfolg arbeiten." - "Es genügt, das göttliche Herz bekannt zu machen und dann ihm die Sorge zu überlassen, die Herzen, die er sich vorbehalten hat, mit der Salbung seiner Gnade zu durchdringen: glücklich, wer zu dieser Zahl gehört!"

 

Wir können nicht genug darum bitten, dass Jesus sein Herz unserem Herzen einprägt.

 

Jesus nennt noch einen anderen Bereich, wo die Herzenshärte sich oft schrecklich auswirkt: die Ehe. Erinnern wir uns an die so wichtige Stelle im Matthäusevangelium: "Da kamen Pharisäer zu ihm, die ihm eine Falle stellen wollten, und fragten: Darf man seine Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe entlassen? Er antwortete: Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer die Menschen am Anfang als Mann und Frau geschaffen hat und dass er gesagt hat: Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein? Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins.

 

Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Da sagten sie zu ihm: Wozu hat dann Mose vorgeschrieben, dass man (der Frau) eine Scheidungsurkunde geben muss, wenn man sich trennen will? Er antwortete: Nur weil ihr so hartherzig seid (pròs tèn sklerokardian hymon), hat Mose euch erlaubt, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang war das nicht so. Ich sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, und eine andere heiratet, der begeht Ehebruch" (Mt 19,3-9).

 

Sklerotische Herzen, verhärtete Herzen sind der Grund, warum Moses erlaubt hat, Scheidungsbriefe auszustellen, die Frau (oder auch den Mann, wie Markus ergänzt) zu entlassen. Wie erschütternd ist dieses Wort! Wie viel Herzenshärte kann es zwischen zwei Menschen geben, die einander doch so nahe sind. Und wie steht es um die Kinder, da zerreißt es einem das Herz. Ich führte dieser Tage wieder Gespräche bezüglich einer zerbrechenden Ehe. Die Kinder sind die Opfer. Wissen die Eltern, was angerichtet wird, wenn die Kinder zwischen dem Vater, den sie lieben und brauchen, und der Mutter, die sie ebenfalls brauchen und lieben, zerrissen werden.

 

Ich kann es nicht mehr hören, dass die Kirche unbarmherzig mit den Geschiedenen sein soll. Wer sagt ein Wort über die Kinder? Wer ist mit ihnen barmherzig? Die Kirche ist die letzte Einrichtung in diesem Land, die die Ehe verteidigt. Dafür gilt sie als hoffnungslos rückständig. Aber von allen Seiten kommen erschütternde Meldungen über die Situation der Kinder aus zerrissenen Ehen, aus chaotischen Beziehungssituationen. Wer hat Erbarmen mit den Kindern? Wie unbarmherzig wird oft die eigene Selbstverwirklichung gesucht, auf Kosten des Partners und der Kinder!

 

Selbstverständlich gibt es für alles auch Gegenbeispiele. Situationen, wo eine Trennung das einzig menschlich tragbare ist oder zu sein scheint. Und natürlich ist es eine große Frage für uns alle, ohne Ausnahme: Gibt es dennoch Barmherzigkeit, wo eine Beziehung gescheitert ist, ohne eigene, aber auch durch eigene Schuld, und wo, auch durch schuldhaftes Versagen, Wunden geschlagen wurden, die nachhaltige Folgen hinterlassen?

 

III.
Gibt es Barmherzigkeit auch für die Sünder? Auch für uns Sünder? Ja, es gibt sie, absolut und unerschöpflich, unter zwei Voraussetzungen: die Wahrhaftigkeit und die Reue. Nichts macht die Herzen härter als die Selbstgerechtigkeit. Die Selbstrechtfertigung ist der Anfang aller Herzenshärte den anderen gegenüber. Nichts öffnet schneller die Schleusen der Barmherzigkeit als Reue und Bekenntnis der eigenen Schuld.

 

Für mich ist eines der hilfreichsten Beispiele für das untrennbare Zusammengehören von Barmherzigkeit und Wahrhaftigkeit die Geschichte von der Begegnung Jesu mit der Samariterin am Jakobsbrunnen. Sie ist zu lange, hier ganz vorgelesen zu werden. Ich erinnere nur an die Situation: "Müde von der Reise" setzt Jesus sich um die Mittagszeit an den Jakobsbrunnen in Sychar, in Samarien. "Da kam eine samaritische Frau, um Wasser zu schöpfen." Was tut eine Frau alleine in der Mittagshitze am Brunnen? Alle Frauen, denn Wasserholen und -tragen ist bis heute meist Frauensache, kommen am Morgen oder am Abend, wenn es halbwegs kühl ist. Es wird sich gleich zeigen, warum diese Frau zu einer Stunde kommt, da sie kaum jemanden am Brunnen vermutet. Jesus bittet sie, ihm zu trinken zu geben. Es entspinnt sich ein Gespräch, ausgehend vom Erstaunen der Frau, dass ein Mann, ein Jude, sie um Wasser bittet.

 

Dann kommt die Wende: "Geh, ruf deinen Mann und komm wieder her!" Jesus trifft genau den wunden Punkt: "Ich habe keinen Mann", antwortet sie. Und Jesus legt die wahre Lage bloß: "Du hast richtig gesagt: Ich habe keinen Mann: Denn fünf Männer hast du gehabt und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Damit hast du die Wahrheit gesagt" (Joh 4,7-18). An einer anderen Stelle sagt er: "Die Wahrheit wird euch frei machen" (Joh 8,32). Jesu Barmherzigkeit ist nicht ohne die Wahrheit zu haben. Wo ist freilich die richtige Form, die Art und Weise, die Wahrheit zu sagen, ohne die Barmherzigkeit zu verletzen? Wo wird es zur falschen Barmherzigkeit, die Wahrheit zu übergehen?

 

In einer Pfarre, die ich besuchte, hatte ich folgendes Erlebnis: Bei der Agape nach dem Pfarrgottesdienst spricht mich ein Mann ziemlich aggressiv an: Warum ist die Kirche so unbarmherzig mit den wiederverheirateten Geschiedenen? Ich versuche, etwas zu erwidern, es hilft nicht viel. Dann sage ich: Wissen Sie, die Sache hat uns Jesus selber "eingebrockt". Sein Wort ist so unausweichlich. Wir würden ja gerne eine Lösung finden, aber da steht nun einmal Sein Wort, um das wir nicht herumkommen; und ich zitierte Jesu Wort über die Scheidung: "Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch" (Mk 10,11). Als ich dieses Wort gesagt hatte, erblasste mein Gegenüber und blieb stumm. Jesu Wort hatte wohl seine Situation getroffen. Plötzlich war es nicht mehr "die Kirche", sondern seine eigene Geschichte, sein persönliches Drama. Jetzt erst, in diesem Moment der Wahrheit, ist die Stunde der Barmherzigkeit. Jetzt erst konnte ein gutes Gespräch beginnen. Jesus hatte ihm gesagt, was er getan hatte, und das war wie eine Befreiung. Ja, es war Ehebruch gewesen. Doch ohne das Bekenntnis dieser Schuld hatte die Barmherzigkeit sozusagen noch keinen "Landeplatz" bei ihm gefunden. Deshalb mussten andere beschuldigt werden, "die Kirche", oder wer immer sonst.

 

Kehren wir zur Szene am Brunnen von Sychar zurück: Nach den Worten Jesu über ihre fünf Männer und den sechsten, der nicht ihrer ist, offenbart sich Jesus ihr als der, der kommen soll, der Messias. "Da ließ die Frau ihren Wasserkrug stehen, eilte in den Ort und sagte den Leuten: Kommt her, seht, da ist ein Mann, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe: Ist er vielleicht der Messias? Da liefen sie hinaus aus dem Ort und gingen zu Jesus" (Joh 4,28-30).

 

Mich fasziniert an dieser Szene, welche Wirkung die Wahrheit hat, die Jesus dieser Frau zumutet. Sie, die vorher isoliert war, in der Mittagshitze Wasser schöpfen musste, ist plötzlich mitten unter den Leuten. Was sie vorher von ihnen getrennt hat, bringt sie jetzt zu den Menschen zurück: ihr skandalöses Leben war vorher Gegenstand des allgemeinen Tratsches und Geredes gewesen. Jetzt kommt sie selber und sagt: da ist einer, der hat mir alles gesagt, was ich getan habe! Die Rederei isolierte sie, die Wahrheit stellt die Kommunikation wieder her. Worüber sie sich geschämt hatte, das kann sie jetzt öffentlich eingestehen. Alle hatten es gewusst und sie verachtet. Er hat es ihr gesagt, ohne sie zu verachten. Weil er sie als Person geachtet und geliebt hat, hat er sie nicht mit ihrer Schuld identifiziert.

 

Indem er ihr menschliches Drama benannte, hat er sie nicht verurteilt, sondern in seinem Erbarmen bloßgelegt, dass sie in allen den Beziehungen etwas anderes gesucht hat, als sie dort fand. "Ich habe keinen Mann" - ich höre in diesem Wort einen tiefen Schmerz. Sie hat vielen Männern gehört, aber keinen Mann gehabt. Wirklich geliebt hat sie keiner. "Ich habe keinen Mann" - welch ein erschütterndes Wort dieser Frau, der Jesus so ganz anders begegnete als alle die, die sie bisher hatte. In Jesus hat sie ihn gefunden, den Mann, der nicht etwas von ihr wollte, sondern sie; der sie nicht verurteilte, aber ihr auch nicht die Wahrheit vorenthielt, die sie frei macht.

 

Und nun wird diese Sünderin zur Missionarin. Der ganze Ort geht hinaus zu Jesus, und nach der Begegnung mit ihm sagen die Leute: "Nicht mehr aufgrund deiner Aussage glauben wir, sondern, weil wir ihn selbst gehört haben und nun wissen: Er ist wirklich der Retter der Welt" (Joh 4,42). - Was Wahrheit als Ausdruck der Barmherzigkeit bewirken kann!

 

IV.
Das Geheimnis dieser Wirksamkeit ist die Bekehrung, das Aufbrechen der Herzen, und damit das Ende der Herzensverhärtung. Das ist die "Herzenszerknirschung", wie die Apostelgeschichte diese Erfahrung nennt: "Als sie das hörten, traf es sie mitten ins Herz" (Apg 2,37), die spätere geistliche Tradition nennt das die katanyxis, die compunctio cordis. Ohne eine solche Reue gibt es keine Öffnung zur Barmherzigkeit Gottes.

 

Was aber muss geschehen, damit das Herz sich der Barmherzigkeit öffnet? Und was geschieht, wenn das nicht geschieht? Was ist, wenn die Verhärtung so groß wird, dass die Liebe sie nicht mehr erreicht? Hat die Bibel nicht immer wieder davon gesprochen, dass Gott selber die Herzen mancher Menschen verhärtet hat? Hat nicht, nach dem Buch Exodus, Gott das Herz des Pharao verhärtet? Und wie ist es mit denen, die Jesus verworfen, verurteilt und getötet haben? Sind sie einfach abzuschreiben, hoffnungslos verhärtet, verblendet oder einfach schrecklich unwissend?

 

Jesus selber hat diese Frage beantwortet, mit Worten, mehr noch mit Taten. In einem Gleichnis, das der Schlüssel für seine eigene Sicht seiner Sendung ist, hat Jesus die Situation einer völligen Verhärtung des Herzens beschrieben:

Jesus begann zu ihnen (wieder) in Form von Gleichnissen zu reden. (Er sagte:) Ein Mann legte einen Weinberg an, zog ringsherum einen Zaun, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Winzer und reiste in ein anderes Land. Als nun die Zeit dafür gekommen war, schickte er einen Knecht zu den Winzern, um bei ihnen seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs holen zu lassen. Sie aber packten und prügelten ihn und jagten ihn mit leeren Händen fort. Darauf schickte er einen anderen Knecht zu ihnen; auch ihn misshandelten und beschimpften sie. Als er einen dritten schickte, brachten sie ihn um. Ähnlich ging es vielen anderen; die einen wurden geprügelt, die andern umgebracht.

 

Schließlich blieb ihm nur noch einer: sein geliebter Sohn. Ihn sandte er als letzten zu ihnen, denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben. Die Winzer aber sagten zueinander: Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn töten, dann gehört sein Erbgut uns. Und sie packten ihn und brachten ihn um und warfen ihn aus dem Weinberg hinaus. Was wird nun der Besitzer des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Winzer töten und den Weinberg anderen geben. Habt ihr nicht das Schriftwort gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden; das hat der Herr vollbracht, vor unseren Augen geschah dieses Wunder? Daraufhin hätten sie Jesus gern verhaften lassen; aber sie fürchteten die Menge. Denn sie hatten gemerkt, dass er mit diesem Gleichnis sie meinte. Da ließen sie ihn stehen und gingen weg" (Mk 12,1-12).

 

Es gibt kaum eine Stelle, an der Jesus so klar und eindeutig von seiner Identität und seiner Sendung gesprochen hat. Er ist der letzte der Boten Gottes, aber nicht "irgendeiner", sondern "der geliebte Sohn", der nach den Knechten, den Propheten, geschickt wird. Was kann der Weinbergbesitzer noch tun? Was bleibt ihm nach dieser unfassbaren Tat noch übrig? Barmherzigkeit mit den Mördern seines Sohnes - Das kann es doch nicht sein! Und so ist denn auch die Schlussfolgerung des Gleichnisses ganz genau das, was jeder erwarten würde: Eine Strafaktion gegen die brutalen Mörder der Knechte und des Sohnes: "Was wird nun der Weinbergbesitzer tun? Er wird kommen und die Winzer töten und den Weinberg anderen geben" (Mk 12,9).

 

So haben die Christen es auch oft interpretiert und verstanden: Die Juden haben Jesus umgebracht. Deshalb haben sie das Erbe verloren, es wurde den Heiden gegeben. Und Judenpogrome konnten auch gleich damit "entschuldigt" werden. So aber hat Jesus genau nicht gehandelt. Er hat nicht das getan, was hier als Schlussfolgerung aus dem Sohnesmord gezogen wird. Er wurde getötet. Aber er hat denen, die ihn getötet haben, sein Leben geschenkt. Er ist durch sie gestorben, und hat sein Sterben für sie angenommen. Er hat statt der Rache die Barmherzigkeit gewählt. Das ist der Kern des christlichen Glaubens. Den Unbarmherzigen hat er Barmherzigkeit erwiesen. Den Sündern hat er verziehen. Den Mördern nicht die Strafe auferlegt, sondern die Liebe geschenkt.

 

"Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" (Lk 23,34). Jesus ist durch die Herzenshärte der Menschen abgelehnt, verurteilt und getötet worden. Aber das war nicht das Ende. Er starb für uns, "als wir noch Feinde waren", sagt Paulus. Was Jesus tat, war nichts anderes, als was Gott selber tat. Der Weinbergsbesitzer stellt Gott dar, der seinem Volk Propheten sandte, der ihm schließlich seinen Sohn sandte. "Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben" sagt er sich (Mk 12,6). Sie haben ihn getötet. Doch er hat sich nicht gerächt. Der Tod Christi wurde zur Sühne für die Unbarmherzigkeit seiner Mörder.

 

Die Barmherzigkeit beginnt erst dort in vollem Maße, wo sie der Herzenshärte begegnet. Nur sie, nur die scheinbar ohnmächtige Barmherzigkeit kann die Versteinerung des Herzens lösen. Gott wollte nicht anders über unsere Unbarmherzigkeit siegen als durch das Übermaß seines Erbarmens mit uns, die wir in der Verhärtung der Herzen gefangen sind. Das hat der rechte Schächer erlebt. Jesu Leiden hat ihn bekehrt. Das hat den heidnischen Hauptmann erschüttert und zu dem Bekenntnis angesichts des am Kreuz Gestorbenen bewegt: "Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn" (Mk 15,39).

 

Nichts kann das Herz des Menschen, seinen Willen, tiefer bewegen als der Anblick der Selbstentäußerung Gottes, sagt einmal sinngemäß der Hl. Maximus (um 662). Jesus sagt im Nachtgespräch zu Nikodemus: "So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat" (Joh 3,16).

 

Die Barmherzigkeit Gottes ist nicht die Folge unserer bereiten Herzen, sondern deren Ursache. Sie ist allem unserem Tun voraus. Sie ist der Preis, den Gott in Jesus im Voraus für uns bezahlt hat. Werden wir dieser Vorgabe entsprechen? Barmherzig sein, wie uns Barmherzigkeit widerfahren ist (Lk 15)?

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