Wednesday 3. June 2020
Aktuelle Tipps

Mut zur Wut

 

Aggression als Gewaltprophylaxe
(Joachim Lempert)


Probleme löst man sachlich. Besser ruhig diskutieren als streiten. Wer schreit hat Unrecht. Erst
kommt die Wut – dann wird geschlagen. Sätze, die wir täglich hören, manchmal selbst benutzen. Sie drücken eine allgemeine Haltung und Meinung aus: Aggression ist schlecht.

Wenn es etwas Ungezügeltes in der Welt gibt, so ist es Wut. Aggression ist eine zerstörerische Kraft. Destruktiv. Sie ist für das Elend in der Welt verantwortlich. Wären alle weniger oder nicht mehr aggressiv, hätten wir das Paradies auf Erden. Sie sollte vermieden, zumindest kontrolliert werden. Aber immer wieder flammt sie auf. Nur, wie bekommt man sie in den Griff?


In einem Streit sollte man ruhig durchatmen – aber wer kann das schon? Genauso realistisch ist die Forderung, im Streit einander ausreden zu lassen. Aber ist dann ein Streit nicht genauso zielführend wie eine Bundestagsdebatte: Lange Reden, deren Inhalt jeder schon kennt und denen keiner mehr zuhört? So soll ein Streit zu einer Lösung führen?

Und zudem: Wohin mit dem Ärger, der Unzufriedenheit? Aushalten und ein Magengeschwür bekommen? Erst einmal in Ruhe darüber nachdenken? Woher aber die Ruhe nehmen und wie verhindern, dass man sich im Stillen in noch mehr Wut hineinsteigert?

 

Paare trennen sich, Ehen werden geschieden, weil sich die Partner nichts mehr zu sagen hatten. Man hatte sich auseinander gelebt. Was der andere sagte, interessierte nicht mehr wirklich. Paare trennen sich nicht, weil sie (zu viel) gestritten haben!
Auf der anderen Seite wird von Fußballspielern gefordert, aggressiv zum Ball zu streben. Durchhaltevermögen benötigt man für jede Ausbildung und jede Prüfung. Ein erfolgreicher Manager oder Unternehmer muss seine Produkte aggressiv bewerben und auf den Markt bringen.


Schlechte Aggression versus gute Aggression?

Aber wo beginnt die gute, wo hört die schlechte Aggression auf? Dort, wo es meinem Gegenüber nicht mehr passt, dass ich eine andere Meinung habe? Wo Widerworte fallen, wie früher die Eltern noch sagten?
Wir bewegen uns in morastigem Terrain, geprägt von Unklarheiten und Unterstellungen.

 

Durch die Arbeit mit Gewalttätern sind wir zu einer interessanten Erkenntnis gelangt:
Jeder Bericht und jede Untersuchung über Amokläufer kommt zu demselben Ergebnis: Die Täter waren völlig unauffällige, zurückgezogene, sozial isolierte Jungen oder Männer.

Sie sind nicht auffällig gewesen, sondern besonders unauffällig. Sie haben ihr Leben nicht in die Hand genommen, sondern erlebten sich als gelebt. Sie sind passive Beobachter des
eigenen Lebens.

Der Ausdruck von Wut im eigenen Leben kommt nicht vor – aber sie töten Mitschüler, Lehrer, völlig unbekannte Personen. Einfach so.

Was für diese extremen Täter gilt, finden wir in abgeschwächter Form bei allen Gewalttätern:
Sie sind gewalttätig – nicht aggressiv. Das überrascht. Denken wir doch, dass Gewalt das Ende von übermäßiger Aggression ist, dass sie den Endpunkt einer Aggressionsspirale bildet.

Geprügelte Frauen berichten, dass ihre Männer vor den Taten ruhig, wie abgestellt waren. Die Killer im Film sind besonders cool, was nichts anderes heißt als: Sie sind gefühllos, nicht wütend. Eiskalt. Der Volksmund sagt dazu: Hunde, die bellen, beißen nicht.
Aggression will etwas erreichen: Die Eltern, die gerufen werden, sollen kommen und das gemalte Bild anschauen. Und wenn sie da sind, wird die Stimme des Kindes leiser, ist es nicht mehr aggressiv. Das Ziel der Aggression – das Kommen und Schauen der Eltern – ist erreicht. Das Gegenüber weiß, was der „Aggressor“ will: Mama oder Papa sollen kommen.
Der „Aggressor“ ist wie ein offenes Buch: Wütende Menschen sind für alle sichtbar, fast schon durchschaubar. Ganz im Gegensatz zum eiskalten Killer.

Aggression und Gewalt sind nicht nur verschieden, sie schließen sich fast aus.


Aber was ist mit dem pöbelnden Gewalttäter? Ist der nicht aggressiv?
Aggression hat ein Ziel, sie ruft, möchte beim Gegenüber etwas erreichen. Sie hat das Ziel, mit dem anderen in Kontakt zu treten. Wir erleben Begegnung von zwei eigenständigen Personen als Subjekten. Aggression dient oftmals dazu, den Kontakt zwischen den Subjekten herzustellen. Der Pöbler attackiert jeden. Das Gegenüber ist austauschbar. Es kann jeden Passanten treffen. Das Verhalten des Passanten ist wirkungslos. Er wird behandelt wie ein Gegenstand, als ein Objekt. Der Täter hat sich sein Gefühl gebastelt: Durch Sätze, die er sich immer wieder selbst sagt, konstruiert er sich eine Berechtigung für Wut. Er steigert sich in diese derivate Wut, bastelt sich ein „Heimwerkergefühl“. Freundliche Worte erreichen ihn nicht, weil er sich nicht erreichen lassen will. Sie würden nur seine Konstruktion stören. Der Pöbler hat sich von der Welt entkoppelt.

 

Bei Tätern finden wir „Heimwerkerwut“ aber keine Aggression, die den anderen erreichen will und sich dann der Begegnung stellt; die etwas in der Welt bewegen will und auch kann, da ihr Kraft inne wohnt. Aggression ist Lebensenergie, die uns unser Leben in die Hand nehmen läßt und Welt gestaltet. Gewalt zerstört. Wir hören Beleidigungen und Abwertungen aber kein Rufen oder Bitten. Wenn sich jemand für seine Interessen im zwischenmenschlichen einsetzen kann, wenn er sich nicht mehr hinter coolness versteckt, wenn er sich traut, aggressiv, d.h. auch mit offenem Visier, in Kontakt zu gehen, dann wird er nicht mehr gewalttätig. Dazu benötigt er Aggressionen.
Deshalb ist Aggression Gewaltprophylaxe.

 

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erschienen in: Lesebuch der Zukunft – Familie 2030
Kath. Familienverband Österreich, S. 146 – 147, Wien 2013
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Joachim Lempert
www.Institut-Lempert.eu
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Fon +43 - 676 – 64 65 699
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